Island wird vorerst keine Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufnehmen. Bei einem Referendum über die Frage stimmten 52,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler mit Nein. Damit sind die EU-Hoffnungen des Landes nach Einschätzung von Beobachtern vorerst beendet, und die Debatte über einen möglichen Beitritt zur Union ist erneut auf Eis gelegt.
Der Abstimmung war ein heftiger Wahlkampf vorausgegangen. Berichten zufolge war die Auseinandersetzung nicht nur intensiv, sondern auch von falschen oder ungenauen Behauptungen geprägt. Solche Darstellungen beeinflussten die öffentliche Debatte und trugen dazu bei, dass die Stimmung im Land bereits vor dem Urnengang deutlich aufgeheizt war.
Im Zentrum der Debatte stand die Fischerei. Sie gilt in Island als besonders sensibles Thema, weil die Kontrolle über die eigenen Fischgründe im Land erbittert verteidigt wird. Ein Beitritt zur EU würde nach Einschätzung von Fachleuten wahrscheinlich bedeuten, dass Island einen Teil seiner Fangquoten an die Gemeinschaft abgeben müsste.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors ist erheblich. Rund vier Prozent aller Arbeitskräfte in Island sind in der Fischerei tätig, und der Bereich steht für etwas mehr als acht Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes. Damit hat die Fischerei sowohl in ökonomischer als auch in politischer Hinsicht ein großes Gewicht.
Ein zentraler Streitpunkt war die Frage einer Sonderregelung. Einige Medien hatten über Gespräche berichtet, mit denen für Island eine Ausnahme von der gemeinsamen Fischereipolitik der EU ausgehandelt werden sollte. Die isländische Außenministerin Katrín Gunnarsdóttir wies diese Berichte jedoch zurück, woraufhin die Presse einräumte, die Geschichte weitgehend falsch dargestellt zu haben.
Auch über die Kosten eines möglichen Beitritts gingen die Angaben weit auseinander. Das Nein-Lager nannte Beträge von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr, während prominente Befürworter eines Beitritts von lediglich gut 50 Millionen Euro sprachen. Nach Darstellung von Euronews lagen die tatsächlichen Zahlen damit offenbar deutlich näher an den Angaben der Befürworter.
Nach einer Schätzung eines unabhängigen Thinktanks würden sich die Netto-Kosten einer EU-Mitgliedschaft für Island auf rund 60 Millionen Euro pro Jahr belaufen. Mit dem klaren Nein im Referendum bleibt die Annäherung an die Europäische Union für Island vorerst blockiert, und eine Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen ist damit zunächst vom Tisch.
