Ein Jahr nach dem schweren Bergsturz, der das kleine Dorf Blatten unter Fels, Geröll und Eis fast vollständig unter sich begrub, steht der Wiederaufbau im Mittelpunkt. Die zuvor evakuierten Einwohnerinnen und Einwohner haben alles verloren. Bis 2029 soll Blatten neu aufgebaut werden, doch gegen dieses Vorhaben regt sich Widerstand, denn es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob wirklich jedes von einem Bergsturz betroffene Dorf wieder errichtet werden muss.
Eine, die alles verloren hat, ist Nicole Kalber-Matten, die Präsidentin des Musikvereins von Blatten. Ihre Heimat liegt heute im Sperrgebiet, begraben unter rund neun Millionen Kubikmetern Geröll und Eis. Damit überhaupt ein Bild von der heutigen Lage möglich ist, lässt das Kamerateam der ARD eine Drohne über das verschüttete Tal aufsteigen.
Beim Blick auf die Aufnahmen zeigt Nicole Kalber-Matten, wo einmal ihr Leben stattfand. Da sei früher ihr Zuhause gewesen, sagt sie. Ein Teil des Ortes ist vollständig verschüttet, einige Ruinen stehen heute in einem Stausee. Ihr eigenes Haus habe ungefähr an dieser Stelle gestanden, weiter hinten das Haus ihrer Großmutter, das zwar noch intakt, aber voller Schlamm und Dreck sei.
Unter Schutt und Wasser liegen vor allem die Erinnerungen. Das Haus war erst vier Jahre zuvor neu gebaut worden, im Garten stand die Schaukel der Kinder, und ganz in der Nähe befand sich der Proberaum ihres Musikvereins. Jedes Mal, wenn sie auf die Stelle blicke, tue es weh, weil sie genau wisse, was dort vorher gewesen sei.
Vorher hätten sie im Paradies gelebt, beschreibt sie ihre frühere Lage. Eine schöne Wohnung, ein schöner Garten, die Eltern unmittelbar in der Nähe, es sei alles perfekt gewesen, und dann sei auf einen Schlag alles weg gewesen. Inzwischen lebt die Familie bei Freunden im Nachbarort. Sie will nach Blatten zurückkehren, sobald der Ort neu errichtet ist, und vor allem will sie eines, dass die Musik von Blatten weiterlebt.
Ausgelöst wurde das Unglück am 28. Mai vergangenen Jahres, als der Gletscher oberhalb des Dorfes kollabierte, nachdem Felsen auf ihn herabgestürzt waren. Schmelzender Permafrost hatte den Berg zuvor instabil gemacht. Mehr als 300 Menschen verloren dabei ihr Zuhause, und zurück blieb ein gigantischer Schuttkegel, der seither das gesamte Tal verschließt.
Die Bewohner und auch einige Tiere waren bereits Tage zuvor evakuiert worden, dennoch kam ein Schäfer ums Leben. Schon am Tag der Katastrophe sprach der Gemeindepräsident vom Wiederaufbau und erklärte, man habe zwar das Dorf verloren, aber nicht das Herz, und alle zusammen würden das Menschenmögliche tun, damit Blatten eine Zukunft habe. Die Pläne sind inzwischen beschlossen, bis 2029 soll am Rande des Schuttkegels ein neues Blatten entstehen.
