Wie tief die Spielsucht reichen kann, zeigt der Fall von Daniel Frohn. Er spielte beim Anbieter Tipico, online, per App und rund um die Uhr verfügbar. Mit der Zeit stiegen seine Einsätze immer weiter, von einigen hundert Euro bis weit darüber hinaus, getrieben von dem Verlangen, das verlorene Geld zurückzuholen, wie er es selbst beschreibt.
Am Ende war Frohn trotz eines gut bezahlten Jobs pleite. Mehr als 100.000 Euro habe er verloren, sagt er. Er lieh sich Geld bei Freunden, verkaufte Dinge und versuchte, das Ausmaß vor seiner Frau zu verbergen. Zeitweise schloss er sich in der Garage ein und nutzte Fahrten zur Tankstelle als Vorwand, um weiterzuspielen, bis die ersten Kaltschweißausbrüche kamen.
Mit solchen Verlusten will sich der Anwalt Sascha Münch von der Bremer Kanzlei Reitmart nicht zufriedengeben. Er zieht gegen Tipico und andere Anbieter vor Gericht und stützt sich dabei auf ein Argument, das weitreichende Folgen haben könnte, wenn es vor den Gerichten Bestand hat.
Sein Ansatz: Wer Online-Glücksspiel und insbesondere Online-Sportwetten veranstalten will, braucht dafür eine Genehmigung. Diese Genehmigung aber hatten nach seiner Darstellung weder Tipico noch andere Sportwettenanbieter. Zwar seien entsprechende Lizenzen teilweise beantragt worden, doch erhalten habe sie in dem fraglichen Zeitraum keiner der Anbieter.
Dennoch bot Tipico in Deutschland Wetten an, und zwar über eine Lizenz aus dem EU-Land Malta. Das sei völlig legal, erklärt das Unternehmen. Ob das tatsächlich so ist, ist nun jedoch zu einer juristischen Grundsatzfrage geworden, über die nicht allein deutsche Gerichte entscheiden.
Über die Rechtmäßigkeit muss nun der Europäische Gerichtshof befinden. In Kürze wird ein Urteil erwartet, das nach Einschätzung der Beteiligten enorme Rückforderungen auslösen könnte. Allein bei der Bremer Kanzlei geht es um tausende Fälle von Spielern, die ihr verlorenes Geld zurückverlangen.
Bekommen die Kläger recht, wären nach dieser Lesart alle Verträge aus den Jahren 2012 bis 2020 nichtig. Erst danach erhielten Tipico und andere Anbieter eine deutsche Lizenz. Wie viele Verfahren derzeit tatsächlich bei den Gerichten anhängig sind, lässt sich bislang nur schätzen, doch das Urteil aus Luxemburg dürfte für die gesamte Branche von großer Bedeutung sein.
