An einem Samstagmorgen um halb zehn ist vor dem Kraftwerk Plessa im hintersten Winkel Brandenburgs erstaunlich viel los. Autos aus ganz Deutschland haben hier geparkt. Der Grund ist ein verlassenes Kraftwerk, das seit Kurzem für Fototouren geöffnet ist und Menschen aus dem ganzen Land anzieht, die mit Kameras und Lichtstativen anrücken.
Bei seinem Bau vor fast 100 Jahren war Plessa eines der modernsten Braunkohlekraftwerke Europas. 1992 wurde die Anlage dann sich selbst überlassen und entwickelte sich zu einem sogenannten Lost Place, einem verlassenen Ort, der heute gerade wegen seines Verfalls und seines Charmes aus dem vergangenen Jahrhundert eine besondere Faszination ausübt.
Erst seit März gibt es genehmigte Touren in das Innere des Kraftwerks. Möglich macht die Fototour eine Berliner Firma, die zuvor die nötigen Behördengenehmigungen besorgt hat. Die Nachfrage ist groß, denn die Touren sind bereits bis zum Ende des Jahres ausgebucht, so viele Menschen wollen die Anlage mit eigenen Augen sehen.
Im Inneren erwarten die Besucher alte Öfen, riesige Turbinen und sogar eine Lok, die übrig geblieben ist. Überall wird fotografiert. Ein besonderes Highlight ist die alte Schaltwarte, allein schon wegen des natürlichen Lichteinfalls, der diesen Raum für viele zum eigentlichen Grund der Reise macht.
Zu den Besuchern gehören Jessica Weidenhof und Markus Dillbaum, die fast acht Stunden aus dem Saarland angereist sind, um nach Plessa zu kommen. Wie alle anderen bewaffnen sie sich mit Kameras und Lichtstativen. Für sie ist gerade das Technische und der Rost das Schöne. Statt Blumen zu fotografieren, halten sie lieber den Verfall der Anlage fest.
Nach drei Stunden haben die beiden bereits das Wichtigste im Kasten. Insgesamt dürfen sie sechs Stunden bleiben. Besonders die alte Schaltwarte hat es ihnen angetan, die sie als architektonisch herausragend beschreiben und die für sie zu den eindrucksvollsten Punkten der gesamten Tour gehört.
Für andere ist die Rückkehr in das Kraftwerk mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Monika Werner fing hier mit 18 Jahren als Maschinistin an Turbine 1 an. Sie erlebt nun die Rückkehr des Kraftwerks aus der Bedeutungslosigkeit und ist sichtlich bewegt. Man sei mit dem Kraftwerk aufgewachsen, sagt sie, und sie könne angesichts der neuen Beachtung kaum die Tränen zurückhalten.
