In Deutschland nimmt die Armut weiter zu. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat in dieser Woche einen Bericht vorgelegt, demzufolge die Zahl der Menschen, die in Armut leben, noch einmal gestiegen ist. Im Saarland ist davon inzwischen jede und jeder Sechste betroffen. Besonders hart trifft es Alleinlebende und Alleinerziehende, bei denen der Anteil bei fast 30 Prozent liegt.
Am unteren Ende dieser Spirale stehen jene Menschen, die ganz ohne Schutz auf der Straße leben. In Saarbrücken sucht eine Gruppe obdachloser Menschen unter einer Treppe neben der Kongresshalle, mitten in einer Baustelle, einen Schlafplatz und Schutz vor der Witterung. Vor Gewalt sind sie an diesem Ort jedoch nicht geschützt, wie sich in den vergangenen Wochen mehrfach gezeigt hat.
Vor etwa vier Wochen wurden an dieser Stelle vier Gäste der Wärmestube massiv überfallen. Von der nahe gelegenen Treppe wurden Pflastersteine auf die Menschen geworfen. Sie trugen teils massive Verletzungen davon, etwa Hämatome, und standen unter Schock, als sie am nächsten Tag die Wärmestube aufsuchten. Von mehreren Angreifern konnte einer gefasst werden, nachdem aufmerksame Passanten die Polizei alarmiert hatten.
Damit blieb es nicht. Etwa zwei bis drei Wochen später wurden an demselben Platz die Habseligkeiten der Gäste angezündet, zu diesem Zeitpunkt waren es noch etwa zwei Personen. Die Betroffenen lagen in ihren Schlafsäcken, und es wurden auch Sachen in Brand gesetzt, die zum Trocknen aufgehängt waren oder als Sichtschutz dienten.
Immer mehr Menschen verlieren ihr Dach über dem Kopf und landen auf der Straße. Eine Zählung von Streetworkern und Akteuren der Wohnungslosenhilfe ergab aktuell 87 Betroffene. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, denn nach Einschätzung von Hermann Schell von der Wärmestube ist die Dunkelziffer größer, weil viele versteckt und unerkannt leben.
Nach Darstellung der Stadt muss niemand auf der Straße leben. In der Praxis gibt es jedoch eine Diskrepanz, denn es stellt sich die Frage, ob die vorhandenen Einrichtungen geeignet sind. So seien Doppelzimmer für Menschen, die schon mit sich allein nicht zurechtkommen, kaum eine Lösung. Zwei Personen, von denen die eine ein Alkoholproblem und die andere ein psychisches Problem hat, lassen sich nicht ohne Weiteres in ein gemeinsames Zimmer legen.
Hinzu kommt, dass die Obdachlosenhilfe überlastet ist, auch weil sie vielfach ehrenamtlich organisiert wird. Gefordert werden Spezialeinrichtungen, die zunächst einmal einen sicheren Ort bieten, etwa ein Gebäude mit Zimmern, in das man abends wie in einem Hotel kommen kann, ohne nach den Gründen gefragt zu werden, in dem ein paar Hausregeln gelten und in dem man die Nacht sicher verbringen kann. Für Hermann Schell bleibt es unterdessen ein Rätsel, warum ausgerechnet die Schwächsten in der Gesellschaft so massiv angegriffen werden.
