OpenAI meldet fast 50 Milliarden Dollar Umsatz, aber die Wall Street reagiert mit massiven Verlusten bei Nvidia und Co. Die Diskrepanz zur zuvor kolportierten Zahl von 68 Milliarden Dollar entpuppt sich als roter Faden für den Marktverfall.
Am Donnerstagmorgen las ein Analyst in New York die Zahlen, die OpenAI seinen Investoren vorgelegt hatte, und spürte, wie der Boden unter seinen Kalkulationen nachgab. Fast 50 Milliarden Dollar annualisierte Erlöse Ende September. Diese Zahl klang auf den ersten Blick noch immer astronomisch, doch wer die Gerüchteküche der letzten Wochen verfolgte, wusste: Es hätte sein sollen, dass es 68 Milliarden sind. Die Lücke von rund 20 Milliarden Dollar war nicht nur ein statistischer Fehler, sondern ein signalstarker Hinweis darauf, dass die KI-Boom-Hypothese vielleicht doch nicht ganz so robust ist, wie die Kurse der letzten Monate nahelegten.
Der Schockwellenbrecher traf Nvidia direkt. Der Chipriese, dessen Geschäftsmodell davon abhängt, dass Unternehmen wie OpenAI ihre Rechenzentren endlos ausbauen, verlor an diesem Tag deutlich an Wert. Es war kein technischer Ausfall und keine regulatorische Sorge, die den Markt bewegte. Es war schlichtweg die Realität der Zahlen, die die Fantasie der Bullen einholte. In Wien spürte man diese Nervosität ebenfalls, wenn auch in anderer Form: Der ATX gab nach, während die Tech-Werte in den USA unter die Räder kamen. Die Botschaft war klar. Die Ausgabenflut in der KI-Infrastruktur hat ihre Grenzen erreicht, zumindest im Kopf der Investoren.
Die Zahl, die alles veränderte
OpenAI selbst betonte in der Kommunikation, dass das Unternehmen wächst. Die Run-Rate sei im dritten Quartal um 77 Prozent gestiegen, im Unternehmensgeschäft sogar um 107 Prozent. Das sind beeindruckende Wachstumsraten, die in jeder anderen Branche für Euphorie gesorgt hätten. Doch hier ging es um die absolute Höhe der Erlöse. Die zuvor kursierende Summe von 68 Milliarden Dollar enthielt offenbar Bruttoerlöse von Partnern, was den Vergleich mit Rivalen wie Anthropic erleichtern sollte. Als diese „Brutto“-Zahl in die „Netto“-Realität von 50 Milliarden korrigiert wurde, verlor sie viel von ihrem Glanz.
Für Nvidia ist das heikel. Der Konzern lebt davon, dass Kunden ihre Rechenzentren weiter ausbauen. Wenn die Erlösbasis kleiner ist als gedacht, rückt die Frage in den Vordergrund, wie lange die Ausgabenflut noch trägt. OpenAI steht unter Druck, seine Bewertung von 852 Milliarden Dollar zu rechtfertigen. Ein Börsengang gilt für 2027 als wahrscheinlich, parallel sondiert das Unternehmen eine neue Finanzierungsrunde von rund 30 Milliarden Dollar. Ohne term sheet, ohne feste Zusagen, bleibt das ein Risiko, das der Markt nun mit einer Abwertung der gesamten Lieferkette bestraft.

Der Crash an der Wall Street
Die Reaktion der Märkte war sofort und brutal. Der Nasdaq 100 lag zeitweise knapp zwei Prozent im Minus und schloss 1,39 Prozent tiefer bei 30.725,81 Punkten. Nvidia, Arm, Intel, AMD, Marvell, Micron und SanDisk verloren zum Handelsschluss zwischen 2,9 und 6,5 Prozent. Im Verlauf waren die Abschläge noch größer. Auch Oracle und CoreWeave gerieten unter Druck. Es war ein breiter Angriff auf die gesamte KI-Infrastruktur-Kette. Wer Chips baute, wer Rechenzentren betrieb, wer Software für die KI schrieb, alle verloren an Wert.
Interessanterweise hielt sich der Dow Jones dagegen stabil. Gefragt waren vor allem Energiewerte, gestützt von steigenden Ölpreisen. Der Kontrast war deutlich. Während die Tech-Welt in Panik geriet, suchten die Anleger Zuflucht in alten, soliden Werten. Diese Rotation zeigt, dass das Vertrauen in die KI-Bull-Bear-Märkte nicht mehr unerschütterlich ist. Jeder Zweifel an den Erlösen von OpenAI wird nun als Risiko für die gesamte Sektorenkette gehandelt. Die Volatilität ist zurück, und sie wird bleiben, solange die Finanzierungsrunde von 30 Milliarden Dollar offenbleibt.

Nvidia bleibt gefragt, aber...
Abseits der Kursschwankungen zeigen kleinere Meldungen, wie breit Nvidias Technik im Einsatz ist. Der irische Anbieter TensorX betreibt seine souveräne KI-Inferenz auf dedizierten Nvidia-B300-GPUs, aktuell 96 in Irland und 96 in Finnland. Eine größere Bestellung soll bald folgen. Das zeigt, dass die Nachfrage real ist. Unternehmen investieren weiterhin massiv in Infrastruktur. Doch die Frage ist, ob diese Investitionen sich rechnen, wenn die Erlösbasis der großen Kunden kleiner ist als erwartet.
Nvidia tritt zudem als Geldgeber auf. Das Biotech Iambic Therapeutics, das KI zur Wirkstoffentwicklung einsetzt, erhält Unterstützung. Solche Deals sind wichtig, um die Ökosystem-Geschichte zu erzählen. Doch sie können einen Kursverlust von 6,5 Prozent an einem Tag nicht aufwiegen. Der Markt wartet auf Klarheit. Und bis die 30-Milliarden-Dollar-Runde bei OpenAI fix ist, bleibt die Nervenlage angespannt. Die Hardware ist da, die Kunden sind da, aber das Geld, das die Erlöse stützen soll, ist noch nicht da.

Die Folgen für Europa
In Wien spürte man die Nervosität ebenfalls. Der ATX sank um 0,78 Prozent auf 6.560,57 Punkte. Die wieder merklich anziehenden Ölpreise und die hohen Anleihenrenditen in einigen Euroraum-Ländern belasteten die Stimmung. In der europaweiten Branchenbetrachtung ging es mit den Bankenwerten tief in die Verlustzone. Raiffeisen Bank International büßte 3,3 Prozent ein, Erste Group 1,7 Prozent. Die Experten verwiesen auf die angespannte Finanzlage in Frankreich, was das Vertrauen in den europäischen Bankensektor zusätzlich schwächte.
Auf der Gewinnerseite standen die Energiekonzerne. Verbund-Anteilsscheine kletterten drei Prozent hoch, OMV-Papiere steigerten sich um 1,7 Prozent. Diese Gegenläufigkeit zeigt, dass der Markt in der Defensive ist. Anleger fliehen aus Tech und in Substanz. Für Investoren in Europa bedeutet das, dass die KI-Hype-Bubble nicht nur ein US-Phänomen ist. Die Verunsicherung in den USA schlägt direkt auf die europäischen Tech- und Halbleiterwerte durch. Die nächste Woche wird zeigen, ob sich der Markt beruhigt oder ob die Korrektur weitergeht.
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