Ein winziger Milchzahn aus Niedersachsen belegt die nördlichste Verbreitungsgrenze der Barbarenaffen in Europa und beweist, wie mild das Klima im Mittelpleistozän war.
Kleiner als ein Daumennagel, aber mit großer Wirkung: Dieser Fundstück verschiebt die Grenzen der europäischen Säugetierfauna. Seit 2004 lag das winzige, fast vollständige Zahnmaterial in den Sedimenten am Ufer des Schöninger Sees, bis Forscher aus Tübingen und Leiden es genau unter die Lupe nahmen. Es handelt sich um einen Milchmahlzahn eines etwa einjährigen Barbarenaffen. Damit steht das Fundstück nun als der nördlichste Beleg für diese Primatenart auf dem europäischen Festland im Raum.
Ein Fund, der die Landkarte neu zeichnet
Vor rund 300.000 Jahren streifte ein junges Affenbaby durch eine Landschaft, die heute von Wäldern und Ackerland geprägt ist. Schöningen liegt fast 1.800 Kilometer nördlich der aktuellen nördlichsten Verbreitungsgrenze dieser Spezies, die heute nur noch in Nordafrika und in Gibraltar vorkommt. Dieser einzelne Zahn erzählt eine Geschichte von Klimawandel, Migration und biologischer Vielfalt, die wir bisher unterschätzt haben.
Ein Fund, der die Landkarte neu zeichnet
Die Barbarenaffen sind die einzigen Macaque-Arten, die in Nordafrika heimisch sind, während alle anderen ihrer Gattung in Asien leben. Während des Pleistozäns war ihr Verbreitungsgebiet jedoch weitaus größer. Fossile Funde aus Spanien, Italien und Griechenland zeigten bereits, dass sie tief in Europa eindrangen. Doch Deutschland und England waren bisher nur durch wenige, isolierte Funde belegt. Der Zahn aus Schöningen schließt diese Lücke nun dramatisch.
Ein Fund, der die Landkarte neu zeichnet
Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden betont die Bedeutung der Entfernung. Schöningen liegt rund 1.800 Kilometer nördlich der heutigen nördlichsten Grenze der Art. Das bedeutet, dass die Tiere in einer Ära lebten, in der die Klimabedingungen in Mitteleuropa deutlich milder waren als heute. Sie konnten bis nach Niedersachsen wandern, ein Gebiet, das heute viel zu kalt für sie ist. Dieser Fund ist kein Einzelfall, sondern bestätigt eine lang anhaltende Präsenz der Gattung in Europa.

Warum Schöningen ein Hotspot ist
Das archäologische und paläontologische Fundgebiet Schöningen ist weltweit bekannt für seine sensationellen Einblicke in die Umwelt und die Klimabedingungen der Zeit. Jordi Serangeli, der die Ausgrabungen in Schöningen leitet, erklärt, dass der Zahn während der Grabungskampagne im Jahr 2004 aus Seeufer-Sedimenten geborgen wurde. Diese Sedimente sind besonders gut geeignet, um organische Reste zu erhalten, die sonst schnell verrotten würden.
Warum Schöningen ein Hotspot ist
Die Qualität der Erhaltung ist außergewöhnlich. Der Zahn ist fast vollständig intakt und weniger als einen Zentimeter lang. Solche Funde sind selten und wertvoll, weil sie nicht nur das Alter, sondern auch das Alter des Tieres beim Tod verraten. Es war ein Jungtier, etwa ein Jahr alt. Das deutet darauf hin, dass die Population in der Region stabil war und sich fortpflanzen konnte. Es war kein einzelner Wanderer, sondern Teil einer lokalen Gemeinschaft.
Die Evolution der Macaque
Die Gattung Macaca entwickelte sich erstmals im späten Miozän, vor etwa 16 Millionen Jahren. Vermutlich geschah dies in Nordafrika. Von dort aus verbreitete sich die Art der Barbarenaffen über das gesamte Mittelmeergebiet und weiter nördlich. Van Kolfschoten erklärt, dass die Art über einen sehr langen Zeitraum in Europa weit verbreitet war. Selbst in England wurden bereits Reste dieser Affen gefunden.

Die Evolution der Macaque
In Norddeutschland erreichten die Tiere jedoch die nördliche Grenze ihres möglichen Lebensraums. Das Klima muss damals so gewesen sein, dass es für primatologische Bedürfnisse geeignet war. Wir sprechen hier von einer Zeit, in der die eiszeitlichen Kälteperioden noch nicht so dominant waren oder in denen warme Phasen lange andauerten. Die Präsenz dieser Tiere in Schöningen zeigt, wie flexibel und anpassungsfähig diese Primaten waren. Sie konnten sich an verschiedene ökologische Nischen anpassen, solange die Temperaturen es erlaubten.
Was der Zahn über das Klima verrät
Ein einzelner Zahn kann viel über die Umwelt aussagen. Die Tatsache, dass ein Jungtier in dieser Region lebte, beweist, dass die Bedingungen für eine erfolgreiche Reproduktion vorhanden waren. Affen brauchen eine bestimmte Dichte an Nahrungsquellen und ein geschütztes Habitat. Wenn ein Jungtier dort geboren wurde und überlebte, um schließlich im Boden zu enden, dann war die Ökologie stabil genug, um eine Population zu tragen. Das ist ein starker Indikator für ein mildes Klima im Mittelpleistozän.
Was der Zahn über das Klima verrät
Diese Erkenntnisse helfen uns, die klimatischen Schwankungen der Vergangenheit besser zu verstehen. Sie zeigen, dass Mitteleuropa in der Vergangenheit ein viel vielfältigeres Biotop war, als wir es heute kennen. Die Artenvielfalt war größer, die ökologischen Nischen waren anders besetzt. Der Fund in Schöningen ist ein Puzzleteil, das hilft, das große Bild der europäischen Biogeographie zusammenzusetzen. Er erinnert uns daran, dass die Natur dynamisch ist und sich mit dem Klima verändert.

Die Bedeutung für die Forschung
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Quaternary Environments and Humans veröffentlicht. Das unterstreicht die interdisziplinäre Bedeutung des Fundes. Es verbindet Paläontologie, Archäologie und Klimaforschung. Die Zusammenarbeit zwischen dem Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Leiden University war dabei entscheidend. Solche Kooperationen ermöglichen es, Funde aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und ihre Bedeutung im größeren Kontext zu verstehen.
Die Bedeutung für die Forschung
Der Zahn aus Schöningen ist mehr als nur ein fossiles Relikt. Er ist ein Zeitzeuge einer vergangenen Welt. Er zeigt uns, dass die Grenzen der Artenverbreitung nicht statisch sind, sondern sich mit den Klimabedingungen verschieben. In einer Zeit, in der das Klima sich wieder verändert, sind solche historischen Belege von großem Interesse. Sie helfen uns, die Reaktionen der Ökosysteme auf Klimawandel besser zu verstehen. Der kleine Zahn aus Niedersachsen erzählt eine große Geschichte von Anpassung und Überleben.
Häufige Fragen

Keep subscribing to Felix FischerHer next filing reaches you the moment it publishes, on her own subdomain.
Subscribe
