Ein berühmtes Zitat nennt ihn das achte Weltwunder. Der Zinseszins lässt Ersparnisse mit den Jahren exponentiell wachsen. Wie er funktioniert und warum ein früher Start alles verändert.
Es gibt ein berühmtes Zitat, das immer wieder gerne dem großen Physiker Albert Einstein zugeschrieben wird. Demnach soll er den Zinseszins einmal als das achte Weltwunder der Welt bezeichnet haben. Ob er diese Worte allerdings wirklich jemals gesagt hat, ist zwar durchaus umstritten. Doch die tiefe Bewunderung, die darin mitschwingt, trifft einen ganz wahren Kern über die stille Macht des Geldes.
Der Zinseszins gilt zu Recht als einer der allerwichtigsten Begriffe der gesamten Geldanlage. Er klingt für viele zunächst reichlich kompliziert, beschreibt aber im Grunde einen erstaunlich einfachen und zugleich äußerst mächtigen Vorgang. Wer sein grundlegendes Prinzip einmal wirklich verstanden hat, blickt danach oft mit ganz anderen Augen auf das eigene Sparen und die lange Zeit.
Zinsen auf die Zinsen
Um den Zinseszins überhaupt zu begreifen, muss man zunächst einmal den ganz einfachen Zins verstehen. Legt man sein Geld an, so erhält man dafür in aller Regel eine jährliche Verzinsung ausbezahlt. Der eigentliche Zauber beginnt jedoch erst dann, wenn diese gutgeschriebenen Zinsen eben nicht ausgegeben, sondern selbst gleich wieder mit angelegt werden. Genau an dieser Stelle setzt der Zinseszins an.
Ein ganz kleines Beispiel macht das Prinzip schnell deutlich. Legt man einhundert Euro zu einem Zins von zehn Prozent an, so hat man nach einem Jahr genau einhundertzehn Euro. Im zweiten Jahr aber werden die Zinsen nun nicht mehr nur auf die ursprünglichen einhundert Euro berechnet, sondern auf den vollen neuen Betrag. So wächst das Guthaben Schritt für Schritt immer ein wenig schneller.
Was hier auf den ersten Blick nach einem kaum spürbaren Unterschied aussieht, entfaltet über viele lange Jahre hinweg eine geradezu gewaltige Wirkung. Das Geld arbeitet gewissermaßen ganz von allein für sich selbst und legt mit jedem weiteren Jahr spürbar an Tempo zu. Fachleute sprechen hier von exponentiellem Wachstum, weil die jährliche Zunahme eben nicht gleichmäßig bleibt, sondern immer steiler ansteigt.
Die praktische 72er-Regel

Für all jene, die nun wirklich kein großer Freund langer und mühsamer Rechnungen sind, gibt es einen erstaunlich einfachen kleinen Trick. Er trägt den treffenden Namen 72er-Regel und liefert eine schnelle und praktische Faustformel. Mit ihrer Hilfe lässt sich rasch abschätzen, wie lange es wohl dauert, bis sich eine Geldanlage durch den Zinseszins ungefähr einmal verdoppelt hat. Man braucht dafür nur eine einzige Division.
Die Regel selbst funktioniert dabei denkbar simpel und ganz ohne Taschenrechner. Man teilt die feste Zahl zweiundsiebzig einfach durch den erwarteten jährlichen Zinssatz. Bei einer angenommenen Rendite von fünf Prozent ergibt das dann etwa vierzehn Jahre, bis sich das eingesetzte Kapital verdoppelt hat. Diese Faustformel ist zwar nicht auf den Tag genau, liefert aber gerade bei mittleren Zinssätzen erstaunlich brauchbare Werte.
Das lange Warten lohnt sich
Wer nun tatsächlich mit dem Sparen beginnt, der muss allerdings zunächst eine gute Portion Geduld mitbringen. Denn gerade in den ersten Jahren fühlt sich der sichtbare Fortschritt oft ziemlich ernüchternd und quälend langsam an. Man legt zwar Monat für Monat brav sein Geld beiseite, doch die Zinsen, die anfangs hinzukommen, wirken im Vergleich zur eigenen Sparleistung noch recht bescheiden und wenig aufregend.
Doch genau an dieser Stelle liegt die eigentliche, entscheidende Geduldsprobe verborgen. Denn mit den fortschreitenden Jahren kehrt sich das ganze Verhältnis nämlich ganz allmählich um. Irgendwann übersteigen die jährlich neu hinzukommenden Zinsen sogar den gesamten Betrag, den man selbst überhaupt noch einzahlt. Von genau diesem Punkt an leistet das angesparte Vermögen die eigentliche Arbeit und trägt sich zunehmend ganz von selbst.
In den allerletzten Jahren einer langen Geldanlage wird die Wirkung dann geradezu dramatisch spürbar. Die lange so flach verlaufende Wachstumskurve richtet sich ganz am Ende beinahe senkrecht in die Höhe auf. Es ist durchaus gut möglich, dass ein sehr großer Teil des gesamten Vermögens erst in dieser allerletzten Phase überhaupt entsteht. Der lange Atem ganz am Anfang wird so am Ende reichlich belohnt.
Warum der frühe Start zählt
Aus all diesen Beobachtungen folgt am Ende eine ebenso einfache wie wichtige Erkenntnis. Der wohl wertvollste Verbündete eines jeden Sparers ist nämlich nicht in erster Linie ein besonders hoher Zinssatz, sondern ganz schlicht die verstreichende Zeit. Je früher man mit dem Sparen beginnt, desto länger kann der Zinseszins seine volle Wirkung entfalten und desto größer fällt am Ende das Ergebnis aus.
Das führt in der Praxis manchmal zu wirklich überraschenden Ergebnissen. Wer schon in ganz jungen Jahren auch nur kleine Beträge regelmäßig zurücklegt, steht am Ende oft deutlich besser da als jemand, der erst viel später mit deutlich größeren Summen einsteigt. Die anfangs verschenkten Jahre lassen sich später kaum noch aufholen, denn gerade sie legen das entscheidende Fundament für alles Weitere.
Man kann sich den Zinseszins bildlich wie eine kleine Schneekugel vorstellen, die einen langen, verschneiten Hang hinabrollt. Ganz am Anfang ist sie noch winzig klein und bewegt sich kaum von der Stelle. Doch je weiter sie rollt, desto mehr frischen Schnee nimmt sie dabei auf und desto größer und schneller wird sie mit der Zeit. Wer sie früh ins Rollen bringt, gibt ihr die nötige lange Strecke, um wirklich groß zu werden.
Der Zinseszins ist am Ende also keineswegs ein gut gehütetes Geheimnis nur für Finanzprofis, sondern ein einfaches Prinzip, das im Grunde jedem einzelnen Menschen offensteht. Seine mit Abstand größte Zutat ist dabei keine komplizierte Formel, sondern ganz schlicht ein wenig Geduld und ein möglichst früher Anfang. Wer diese stille Kraft der Zeit klug für sich nutzt, kann selbst aus bescheidenen Mitteln über die Jahre Beachtliches wachsen lassen.

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