Warum Michael Burry den aktuellen Marktzyklus mit 2000 und 2008 vergleicht und wie er sein Portfolio auf mögliche Turbulenzen vorbereitet.
Der Nasdaq 100 schloss auf einem historischen Rekordhoch, kaum hatte das Tape gestoppt, postete Michael Burry auf X. Dort schrieb er, der Markt befinde sich offensichtlich in der ersten Phase der Trauer, der Verleugnung. Diese Phase dauere, so seine Erfahrung aus den Jahren 2000 und 2008, normalerweise sechs bis neun Monate. Eine Warnung, die gerade in einer Zeit voller Euphorie wie ein Donnerschlag wirkt und viele Marktteilnehmer vor den Kopf stößt.
Burry ist kein unbeschriebenes Blatt. Als er 2007 vor der Hypothekenkrise warnte, wurde er verspottet. Heute, im Oktober 2026, wiederholt er das Muster. Seine These ist klar: Die KI-Euphorie treibt die Bewertungen an die Obergrenze, und wenn sie kippt, wird es eine Renaissance von Substanzwerten geben, ähnlich wie zwischen 2000 und 2003. Er hält den Index für historisch überbewertet und kopflastig, plant aber trotzdem ein weiteres Rekordhoch. Das ist die Paradoxie der modernen Märkte: Man kann den Crash erwarten und trotzdem auf den nächsten Hochstand setzen.
Die psychologische Dimension dieser Marktbewegung ist es, die Burry so genau analysiert. In der Verleugnungsphase lehnen Investoren die Warnsignale ab, weil sie den Status quo nicht infrage stellen wollen. Sie halten an ihren Thesen fest, selbst wenn die Fundamentaldaten bereits Risse zeigen. Burry beobachtet diese kollektive Blindheit mit der Kälte eines Chirurgen und nutzt sie, um seine eigene Positionierung zu schärfen, ohne sich in die Masse der Panikverkäufer zu verirren.
Steuerkniffe und Depot-Tausch
Parallel zu seinen makroökonomischen Warnungen bereitet Burry sein eigenes Depot auf das Jahresende vor. In den Vereinigten Staaten verkaufen viele Anleger im vierten Quartal Verlustpositionen, um damit Gewinne steuerlich zu verrechnen. Burry will diesem Ansturm zuvorkommen, der Ende Oktober beginnt und in der ersten Dezemberwoche gipfelt. Er schrieb am 5. Oktober auf Substack, dass sechs Aktien in seinem Depot wahrscheinliche Kandidaten für solche Verkäufe seien.
Um investiert zu bleiben, tauscht er in ähnliche Werte. Lululemon ersetzte er vorübergehend durch Deckers Outdoor, bleibt von Lululemon aber langfristig überzeugt. Seine Anteile an Fannie Mae schichtete er komplett in Freddie Mac um, mit der Absicht, den Tausch im kommenden Monat rückgängig zu machen. Bei Sprouts Farmers Market und Zoetis ersetzte er die Aktien nach neuen Tiefs durch langlaufende Kaufoptionen mit Fälligkeit 2028 und 2029. Das ist keine Panik, das ist chirurgische Präzision.
Diese Tauschgeschäfte dienen einem doppelten Zweck. Erstens minimieren sie die steuerliche Last, die durch den Verkauf von Verlustwerten entsteht, indem Burry in nahezu identische Titel wechselt, die nicht unter die Verlustverrechnung fallen. Zweitens erhält er frische Liquidität, um in der Phase der Unsicherheit flexibel zu bleiben. Der Wechsel von Aktien zu Optionspositionen bei Zoetis und Sprouts zeigt zudem, dass er bereit ist, die Volatilität der kommenden Monate zu nutzen, statt nur auf den reinen Kursanstieg zu spekulieren.

Wetten auf China und Substanz
Bei Fiserv hält Burry fest und sieht langfristig eine jährliche Rendite im niedrigen zweistelligen Bereich. Gegen MetLife setzt er mit Verkaufsoptionen bis 2029. Er fürchtet Belastungen durch Privatkredite und Beteiligungskapital. Diese Positionen zeigen, dass er nicht einfach nur in den Crash wettert, sondern gezielt Kontrahenten wählt. Er setzt auf Unternehmen mit realer Ertragskraft und Cashflow, weg von den reinen Story-Aktien.
Besonders interessant ist sein bullischer Blick auf China. Während viele westliche Investoren den chinesischen Markt meiden, sieht Burry dort Chancen. Er nutzt die Verleugnungsphase, um Positionen in Regionen und Sektoren zu bauen, die von der KI-Hype-Blase weniger betroffen sind. Das ist eine strategische Neuausrichtung, die über das reine Shorting hinausgeht. Es geht um die Definition von Wert in einer Zeit, in der Bewertungen und Realität weit auseinanderklaffen.
Die Wahl von Fiserv als Halteposition unterstreicht seinen Fokus auf operative Exzellenz. Im Gegensatz zu den reinen Softwarefirmen, die oft nur Versprechen abliefern, generiert Fiserv echten Umsatz durch die Abwicklung von Zahlungen. Burry positioniert sich hier als der Investor, der auf der anderen Seite der Bar sitzt, wenn die Hypen abklingen. Er sucht nach Unternehmen, die auch in einer Rezession überleben können, weil ihre Geschäftsmodelle auf physischen Transaktionen basieren und nicht auf digitalen Fantasien.

Der Markt im Abwehrmodus
Die Stimmung an den europäischen Börsen spiegelt diese Unsicherheit wider. In Frankfurt schalten die Anleger vor dem Beginn der US-Berichtssaison einen Gang zurück. Der DAX verzeichnete zwar ein kleines Plus, aber die Bereitschaft zu größeren Risiken bleibt gering. Sinkende Energiepreise und eine Verschnaufpause bei den Anleiherenditen sorgen zwar für Entlastung, aber die Anleger wollen investiert bleiben, ohne jedes Risiko mitzunehmen.
Die ADP-Daten zum US-Arbeitsmarkt mit 23.750 neuen Stellen fielen zwar etwas besser aus als erwartet, liefern aber angesichts der zuletzt widersprüchlichen Signale keine klare Orientierung. In der Eurozone enttäuschten die Einzelhandelsumsätze mit einem Plus von lediglich 0,1 Prozent. Hohe Energiepreise bremsen die Dynamik. Genau hier liegen die Schmerzpunkte: bei den langfristigen Anleiherenditen und den geopolitischen Unsicherheiten.
Diese defensive Haltung in Europa ist kein Zufall, sondern eine direkte Reaktion auf die Spannungen in den USA. Wenn die Leitbörse in New York ihre Rekordjagd fortsetzt, während die europäischen Wirtschaftszahlen stagnieren, entstehen Dissonanzen, die Vorsicht gebieten. Die Anleger in Frankfurt beobachten die US-Reporte mit gebanntem Blick, da die Performance der Tech-Giganten oft den Ton für die globalen Risikoaktien angibt. Die geringe Risikobereitschaft führt dazu, dass der Markt nur dann zulegt, wenn die Nachrichtenlage positiv ist, was die Volatilität in beide Richtungen erhöht.

KI gegen Anleihen
Das Duell zwischen Technologieaktien und Anleiherenditen bestimmt den Handel. Auf der einen Seite die KI- und Halbleiterunternehmen mit ihren Billionenbewertungen, auf der anderen Seite Staatsanleihen mit immer attraktiveren Renditen. Mehr als fünf Prozent bei zehnjährigen Staatsanleihen lösen bei vielen Investoren Begehrlichkeiten aus und werden zur echten Anlagealternative. Noch gewinnt die KI-Euphorie diesen Zweikampf, aber die Messlatte für weitere Kurssteigerungen steigt.
Burrys Warnung bekommt dadurch eine konkrete Form. Wenn die Anleiherenditen weiter steigen, wird der Druck auf die hochbewerten Tech-Aktien enorm. Die Berichtssaison mit PepsiCo, Delta Air Lines und TSMC wird zur Bewährungsprobe. Bis dahin dürfte sich der Handel in ruhigen Bahnen bewegen, aber die Spannung ist spürbar. Burrys Verleugnungsphase ist keine Prophezeiung, sondern eine Analyse der Marktpsychologie. Und die zeigt, dass die nächste Korrektur nicht Frage ist, sondern wann.
Die Attraktivität von Anleihen mit über fünf Prozent Rendite ist ein starker Magnet für konservatives Kapital, das aus den hochbewerteten Tech-Titeln abfließt. Dieser Kapitalfluss verändert die Dynamik des Marktes grundlegend. Wenn die sicheren Häfen wieder interessant werden, verlieren die risikoreichen Wachstumsaktien ihren Glanz. Burry beobachtet diese Umverteilung genau, denn sie ist der Indikator dafür, wie lange die Euphorie noch halten kann, bevor die Schwerkraft der fundamentalen Werte greift und den Markt in seine Knie zwingt.
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