Eine deutsche Langzeitstudie zeigt, dass gezielte Eingriffe die Vielfalt von Fledermäusen und Vögeln erhöhen. Ein Plädoyer für strukturreiche und widerstandsfähige Wälder.
Ein aufgeräumter Wald mag ordentlich aussehen, doch für die Natur ist gerade das Gegenteil ein Segen. Umgestürzte Bäume, morsche Stämme und offene Lichtungen wirken auf den ersten Blick wie Unordnung, sind in Wahrheit aber die Grundlage für eine erstaunliche Vielfalt an Leben. Eine neue deutsche Studie liefert dafür nun beeindruckende Belege.
Der Wald als Schatzkammer
Wälder sind in Deutschland die bedeutendste Vegetationsform. Mit über elf Millionen Hektar bedecken sie rund zweiunddreißig Prozent der Landesfläche und beherbergen von allen Lebensräumen an Land die höchste Artenvielfalt. Vom kleinsten Moos bis zum majestätischen Greifvogel finden hier unzählige Lebewesen einen Platz zum Überleben.
Vielfalt in Zahlen
Die schiere Vielfalt ist überwältigend. Die etwa sechsundsiebzig heimischen Baumarten machen dabei nur einen winzigen Bruchteil aus. Hinzu kommen rund tausend verschiedene Flechten, fast sechshundertfünfundsiebzig Moose, etwa tausend krautige Pflanzen und mehr als hundert Straucharten. Der Wald ist also weit mehr als nur eine Ansammlung von Bäumen.
Ein großes Experiment
Genau hier setzt das Forschungsprojekt BETA FOR an, das unter der Leitung von Professor Jörg Müller von der Universität Würzburg durchgeführt wurde. Für die im Mai 2026 veröffentlichte Studie untersuchten die Wissenschaftler in sechs Regionen Deutschlands insgesamt zweihundertvierunddreißig Waldflächen von jeweils fünfzig mal fünfzig Metern über mehrere Jahre hinweg.
Ein Zuhause für viele Arten

Die Forscher dokumentierten in den untersuchten Flächen eine bemerkenswerte Fülle an Tieren, darunter siebzehn verschiedene Fledermausarten und zweiundsiebzig Vogelarten. Um die Wirkung gezielter Eingriffe zu testen, schufen sie künstlich Lücken im Kronendach und brachten Totholz in Form von Baumstümpfen und liegenden Stämmen in die Wälder ein.
Fledermäuse kehren zurück
Die Ergebnisse waren eindeutig. In strukturreichen Wäldern siedelten sich im Schnitt etwa zwei zusätzliche Fledermausarten pro Fläche an. Angelockt wurden vor allem Arten, die offenes Gelände bevorzugen. Fledermäuse verhalten sich dabei wie Pendler und durchqueren Nacht für Nacht mehrere unterschiedliche Lebensräume auf der Suche nach Nahrung.
Vögel reagieren noch stärker
Noch deutlicher fiel die Reaktion bei den Vögeln aus, die auf die örtlichen Eingriffe empfindlicher ansprachen als die Fledermäuse. Besonders profitierten spezialisierte Arten, allen voran die Spechte, die auf Totholz angewiesen sind. Ihre Zahl nahm spürbar zu, und auch die funktionale Vielfalt der Vogelwelt insgesamt stieg an.
Ein Umdenken in der Forstwirtschaft
Aus diesen Erkenntnissen leiten die Forscher eine klare Empfehlung ab. Försterinnen und Förster sollten mehr strukturelle Vielfalt zulassen. Wer Totholz im Wald belässt, verzichtet zwar kurzfristig auf einen Teil des Holzertrags, stärkt aber langfristig die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems gegenüber den Folgen des Klimawandels.
Wald im Zeichen des Klimas
Diese Widerstandsfähigkeit ist heute wichtiger denn je. Hitze, Dürre und Schädlinge setzen den deutschen Wäldern seit Jahren zu. Ein vielfältiger, naturnaher Wald kann solche Belastungen besser abfedern als eine gleichförmige Monokultur. Die Förderung der Artenvielfalt ist damit nicht nur Naturschutz, sondern auch eine kluge Vorsorge für die Zukunft.
Der Wald im Blickpunkt
Dass das Thema auch gesellschaftlich an Bedeutung gewinnt, zeigen die Deutschen Waldtage. Unter dem Motto Wald und Wirtschaft standen vom achtzehnten bis zwanzigsten September 2026 die vielfältigen Leistungen des Waldes für Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft im Mittelpunkt und luden die Menschen zum Entdecken und Mitmachen ein.
Was jeder tun kann
Der Schutz des Waldes ist nicht allein Sache der Fachleute. Wer im Wald unterwegs ist, kann seinen Teil beitragen, indem er auf den Wegen bleibt, Wildtiere nicht stört und keinen Müll hinterlässt. Auch das Verständnis dafür, dass liegendes Totholz kein Abfall, sondern wertvoller Lebensraum ist, hilft. Wissen und Rücksicht sind oft die einfachsten Werkzeuge für einen wirksamen Naturschutz.
Am Ende lehrt uns die Wissenschaft eine überraschend einfache Wahrheit: Ein bisschen mehr Wildnis tut dem Wald gut. Wo der Mensch nicht jeden umgestürzten Baum sofort entfernt, entsteht Raum für Leben in all seinen Formen. Vielleicht sollten wir lernen, die scheinbare Unordnung im Wald nicht als Makel, sondern als Zeichen eines gesunden Ökosystems zu schätzen.

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