Wien brachte viele große Komponisten hervor, doch kaum einer schrieb so unsterbliche Lieder wie Franz Schubert. In nur einunddreißig Jahren schuf er über sechshundert Lieder, die Winterreise und die Unvollendete. Wir erzählen das Leben des stillen Meisters des Wiener Liedes.
Wien gilt seit jeher als die Welthauptstadt der Musik, und unter ihren größten Söhnen findet sich ein eher stiller, bescheidener junger Mann. In nur einunddreißig Lebensjahren schuf Franz Schubert ein Werk von solcher Fülle und Schönheit, dass seine Lieder bis heute auf den Konzertbühnen der ganzen Welt erklingen.
Ein Wiener Kind
Franz Schubert wurde im Jahr 1797 in Himmelpfortgrund geboren, einem Vorort, der heute zum neunten Wiener Gemeindebezirk gehört. Er wuchs in einer musikalischen Familie auf, in der das gemeinsame Musizieren zum Alltag gehörte, und zeigte schon als Kind ein außergewöhnliches Talent für den Gesang und die Komposition.
Als Sängerknabe kam er an das kaiserliche Stadtkonvikt, wo er eine gründliche musikalische Ausbildung erhielt und sogar von dem berühmten Hofkapellmeister Antonio Salieri unterrichtet wurde. Später arbeitete er zunächst als Schulgehilfe im Dienst seines Vaters, doch seine wahre Leidenschaft galt einzig und allein der Musik.
Der Erfinder des Kunstliedes
Berühmt wurde Schubert vor allem durch seine Lieder, von denen er im Laufe seines kurzen Lebens weit über sechshundert schrieb. Er vertonte darin die Gedichte großer Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Wilhelm Müller und verband Wort und Musik zu einer völlig neuen künstlerischen Einheit.
Sein wohl bekanntestes frühes Meisterwerk ist der Erlkönig nach einer Ballade von Goethe, den er schon als junger Mann komponierte. Darin malt das Klavier den nächtlichen Ritt durch den dunklen Wald geradezu greifbar aus, während die Singstimme abwechselnd den Vater, das Kind und den unheimlichen Erlkönig verkörpert.
Die großen Liederzyklen
Seine Kunst des Liedes gipfelte in zwei großen Zyklen, die bis heute zum Kernbestand jedes Konzertsängers gehören. Der erste, Die schöne Müllerin aus dem Jahr 1823, erzählt in vielen einzelnen Liedern die Geschichte eines wandernden Müllergesellen und seiner unglücklichen, am Ende tragischen Liebe.
Noch düsterer und tiefgründiger ist die Winterreise von 1827, die erschütternde Wanderung eines einsamen Menschen durch eine winterliche, trostlose Landschaft. Mit diesen Zyklen hob Schubert das schlichte Lied auf die Ebene der ganz großen Kunst und schuf Werke von zeitloser emotionaler Tiefe.
Mehr als nur Lieder

So sehr Schubert für seine Lieder gefeiert wird, sein Schaffen reichte doch weit darüber hinaus. In der Kammermusik hinterließ er wahre Juwelen wie das heitere Forellenquintett und das ergreifende Streichquartett mit dem bekannten Beinamen Der Tod und das Mädchen.
Auch für das Orchester schrieb er bedeutende Werke, darunter acht Sinfonien. Besonders berühmt sind die geheimnisvolle Unvollendete aus dem Jahr 1822, von der er nur zwei Sätze vollendete, sowie die groß angelegte Sinfonie in C-Dur, die erst nach seinem Tod ihre verdiente Anerkennung fand.
Ein Leben unter Freunden
Anders als sein großes Vorbild Ludwig van Beethoven, das nur wenige Jahre zuvor in derselben Stadt wirkte, erhielt Schubert nie eine feste Anstellung am Hof und fand auch keine wohlhabenden Gönner. Sein Leben spielte sich vor allem im Kreis einiger treuer und künstlerisch begeisterter Freunde ab.
Diese Freunde veranstalteten die legendären Schubertiaden, gesellige Abende, an denen ausschließlich seine Musik gespielt und gesungen wurde. In dieser warmen, familiären Runde fühlte sich der oft schüchterne Komponist am wohlsten und fand die Anerkennung, die ihm die große Öffentlichkeit zu Lebzeiten noch versagte.
Ein kurzes Leben, ein unsterbliches Werk
Schuberts Schaffenskraft war schier unglaublich. Man schätzt, dass er rund dreißigtausend Stunden mit dem Komponieren verbrachte, und es heißt sogar, er habe im Schlaf seine Brille getragen, um jeden musikalischen Einfall sofort festhalten und am nächsten Morgen ausarbeiten zu können.
Doch sein Leben währte nur kurz. Nach Jahren einer schweren Krankheit starb Franz Schubert im November 1828, mit gerade einmal einunddreißig Jahren. In dieser knappen Zeitspanne hatte er ein Werk von einer Fülle geschaffen, um die ihn viele Komponisten mit einem weit längeren Leben beneiden würden.
Späte, aber ewige Anerkennung
Zu Lebzeiten blieb Schubert einem breiten Publikum weitgehend unbekannt, und viele seiner Werke wurden erst lange nach seinem Tod veröffentlicht und öffentlich aufgeführt. Erst nach und nach erkannte die Welt die wahre Größe dieses stillen und zurückhaltenden Wiener Meisters.
Heute zählt Franz Schubert zu den bedeutendsten Komponisten überhaupt und gehört fest zur musikalischen Seele Wiens. Wenn irgendwo auf der Welt eines seiner Lieder erklingt, lebt darin ein Stück jener unsterblichen Kunst weiter, die einst in einer bescheidenen Wiener Vorstadt ihren Anfang nahm.

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