Seit über drei Jahrhunderten prägt das Wiener Kaffeehaus das gesellschaftliche und geistige Leben der österreichischen Hauptstadt auf ganz einzigartige Weise. Es gilt längst als eine Institution, in der die Zeit stillzustehen scheint, und wurde von der Unesco sogar zum immateriellen Kulturerbe erklä
Wer die österreichische Hauptstadt Wien besucht, kommt an einer ganz besonderen Institution kaum vorbei, die seit vielen Jahrhunderten fest zum unverwechselbaren Wesen dieser Stadt gehört. Das Wiener Kaffeehaus ist nämlich weit mehr als bloß ein gewöhnliches Lokal, in dem man rasch eine Tasse Kaffee trinkt, sondern es ist ein einzigartiger Ort voller Geschichte, Gemütlichkeit und einer ganz eigenen Lebensart.
Mehr als nur ein Café
Das wahrhaft Besondere an einem echten Wiener Kaffeehaus lässt sich nur schwer in wenigen Worten beschreiben, denn es geht dabei um sehr viel mehr als bloß um das Getränk, das vor einem auf dem Tisch steht. Vielmehr ist es ein Ort, an dem die Gäste stundenlang verweilen dürfen, ohne dass sie jemand dazu drängt, ihren gemütlichen Platz nach dem letzten Schluck möglichst rasch wieder freizumachen.
Ein bekannter Ausspruch bringt dieses ganz besondere Lebensgefühl auf treffende Weise auf den Punkt, indem er das Kaffeehaus als einen Ort beschreibt, an dem man vor allem Zeit und Raum verbringt, auf der Rechnung am Ende jedoch lediglich den Kaffee wiederfindet. Genau diese entspannte und einladende Großzügigkeit macht bis zum heutigen Tag den unverwechselbaren Reiz dieser Institution aus.
Ein Ursprung nach der Belagerung

Die lange Geschichte des Wiener Kaffeehauses reicht bis in das späte siebzehnte Jahrhundert zurück und ist eng mit einem bedeutenden Ereignis der Stadtgeschichte verknüpft, nämlich der großen Belagerung Wiens im Jahr sechzehnhundertdreiundachtzig. Nur kurze Zeit nach diesem einschneidenden Ereignis eröffnete in der Stadt das allererste Kaffeehaus und legte damit den Grundstein für eine überaus lange Tradition.
Um die genaue Entstehung des allerersten Kaffeehauses ranken sich bis heute zahlreiche Legenden, in denen oft von zurückgelassenen Säcken voller geheimnisvoller Kaffeebohnen die Rede ist. Auch wenn manche dieser farbenfrohen Geschichten wohl eher ins Reich der Sagen gehören, steht doch fest, dass sich der Kaffeegenuss von Wien aus schon bald in ganz Europa immer weiter auszubreiten begann.
Das Wohnzimmer der Wiener
Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Kaffeehaus für sehr viele Menschen in Wien zu einer Art zweitem Wohnzimmer, in dem sie einen erstaunlich großen Teil ihres täglichen Lebens verbrachten. Hier traf man sich ganz zwanglos mit Freunden und Bekannten, führte lange Gespräche, spielte in aller Ruhe Karten oder Billard, oder genoss einfach nur die angenehme und behagliche Atmosphäre des Hauses.
Besonders geschätzt wurde und wird bis zum heutigen Tag die schöne Möglichkeit, bei nur einer einzigen Tasse Kaffee stundenlang in den zahlreichen ausliegenden Zeitungen und Zeitschriften ausgiebig zu schmökern. Für viele Wienerinnen und Wiener gehört dieser tägliche Besuch im vertrauten Stammkaffeehaus noch immer ganz selbstverständlich zum festen Rhythmus ihres Alltags dazu.
Ein Ort der Dichter und Denker
Über die reine Geselligkeit hinaus spielte das Wiener Kaffeehaus zudem eine überaus wichtige Rolle für das geistige und das künstlerische Leben der gesamten Stadt. Gerade um die vorletzte Jahrhundertwende wurden diese gemütlichen Lokale zu beliebten Treffpunkten für zahlreiche berühmte Schriftsteller, Künstler und Denker, die hier bei einer Tasse Kaffee ihre Ideen austauschten und lebhaft diskutierten.
Viele bedeutende literarische Werke entstanden tatsächlich unmittelbar an den Tischen dieser Kaffeehäuser, sodass sich mit der Zeit sogar ein ganz eigener Begriff dafür herausbildete, nämlich die sogenannte Kaffeehausliteratur. Die berühmten Lokale wurden auf diese Weise zu wahren Brutstätten der Kreativität und prägten das kulturelle Leben der Stadt auf nachhaltige Weise.
Eine ganz eigene Atmosphäre
Wer heute ein traditionsreiches Wiener Kaffeehaus betritt, taucht fast augenblicklich in eine ganz besondere Welt ein, die sich über die vielen Jahrzehnte hinweg kaum verändert zu haben scheint. Kleine Tische mit Platten aus glänzendem Marmor, elegante gebogene Stühle aus dunklem Holz und die gedämpfte, warme Beleuchtung schaffen zusammen eine Atmosphäre von zeitloser und vornehmer Ruhe.
Zu einem echten Kaffeehausbesuch gehört darüber hinaus ein ganz bestimmtes Ritual, das den besonderen Charakter dieser altehrwürdigen Häuser noch weiter unterstreicht und liebevoll pflegt. So wird der Kaffee ganz traditionell auf einem kleinen silbernen Tablett serviert und dabei stets von einem Glas frischen Wassers begleitet, das den Gästen wie selbstverständlich gereicht wird.
Ein lebendiges Kulturerbe
In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts geriet das traditionsreiche Wiener Kaffeehaus allerdings in eine durchaus schwere Krise, als modernere und deutlich schnellere Lokale zunehmend in Mode kamen. Viele der altehrwürdigen Häuser mussten in dieser schwierigen Zeit leider für immer ihre Türen schließen, und die alte, wertvolle Tradition schien für eine Weile sogar ernsthaft bedroht zu sein.
Zum großen Glück besann man sich jedoch gerade noch rechtzeitig wieder auf den unschätzbaren Wert dieser einzigartigen Kultur, die schließlich sogar von der Unesco als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet wurde. Heute erfreuen sich die Wiener Kaffeehäuser erneut großer Beliebtheit und laden Gäste aus aller Welt herzlich dazu ein, die berühmte Wiener Gemütlichkeit einmal selbst zu erleben.
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