Einfach nur bewusst im Wald sein und tief durchatmen: Das sogenannte Waldbaden stammt aus Japan und erobert nun auch Deutschland. Forschende vermuten erstaunliche Wirkungen auf Stress, Blutdruck und das Immunsystem.
Zwischen hohen Baumstämmen hindurchspazieren, den würzigen Duft von feuchtem Moos und von Laub tief einatmen und dem sanften Rauschen der Blätter im Wind lauschen: Was für die meisten Menschen zunächst nach einem ganz einfachen Spaziergang klingt, hat in den letzten Jahren einen eigenen Namen und sogar eine stetig wachsende wissenschaftliche Aufmerksamkeit bekommen. Die Rede ist vom sogenannten Waldbaden, einer achtsamen Praxis, die ihren Ursprung in Japan hat und inzwischen auch bei uns immer mehr begeisterte Anhänger findet.
Eintauchen in den Wald
Beim Waldbaden geht es ausdrücklich nicht darum, möglichst schnell eine bestimmte Strecke zurückzulegen oder sich dabei sportlich besonders zu verausgaben, sondern um etwas ganz anderes. Im Mittelpunkt steht vielmehr die schlichte Idee, ganz bewusst und mit allen Sinnen in die besondere Atmosphäre des Waldes einzutauchen und dort einfach nur zu sein. Man schlendert dabei langsam umher, bleibt immer wieder einmal stehen und nimmt die Umgebung so intensiv wie nur möglich wahr, ganz ohne ein festes Ziel vor Augen zu haben.
Genau diese bewusste und fast schon meditative Langsamkeit unterscheidet das Waldbaden von einer gewöhnlichen Wanderung oder einem zügigen Spaziergang. Es ist weit weniger eine rein körperliche Übung als vielmehr eine Art der tiefen Entspannung und der Rückbesinnung auf die Natur, die uns alle umgibt. Wer sich wirklich darauf einlässt, der lässt den hektischen Alltag und die ständige Erreichbarkeit für eine Weile ganz bewusst hinter sich und schenkt seinen oft überreizten Sinnen eine wohltuende Pause.
Ein Ursprung aus Japan
Die Wurzeln dieser inzwischen weltweit bekannten Praxis reichen zurück in das Japan der frühen achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dort prägte im Jahr neunzehnhundertzweiundachtzig ein hoher Beamter der zuständigen Forstbehörde den heute berühmten Begriff, der sich sinngemäß am ehesten als das Aufnehmen der Waldatmosphäre übersetzen lässt. Das erklärte Ziel war es damals, die Menschen in einer Zeit der rasanten Industrialisierung wieder vermehrt in die Wälder zu locken und sie dort zur Erholung anzuregen.
Was zunächst vor allem als eine einfache Maßnahme zur Gesundheitsförderung und zum Schutz der Wälder gedacht war, entwickelte sich mit der Zeit zu einer regelrechten Bewegung im ganzen Land. In Japan selbst wurde das Waldbaden schon bald sehr ernst genommen und sogar fest in die staatliche Gesundheitsvorsorge mit aufgenommen. Forschende begannen zudem bereits früh damit, die tatsächliche Wirkung dieser Praxis auf den menschlichen Körper und die Psyche genauer und mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen.
Was im Körper geschieht

Die bisherigen Studien zu diesem spannenden Thema liefern durchaus bemerkenswerte und ermutigende Hinweise, auch wenn die Fachleute zugleich betonen, dass für sichere Aussagen noch weitere und vor allem größere Untersuchungen nötig sind. So deuten verschiedene Messungen darauf hin, dass sich ein ruhiger Aufenthalt im Wald günstig auf den Spiegel bestimmter Stresshormone auswirken und sowohl den Blutdruck als auch den Puls spürbar senken kann, was dem Herzen und dem gesamten Kreislauf zugutekommt.
Besonders faszinierend sind die vielen Beobachtungen rund um das Immunsystem des Menschen. Bäume geben nämlich ganz bestimmte Duftstoffe an die umgebende Luft ab, und einige Forscher vermuten, dass gerade diese Stoffe dazu beitragen könnten, die körpereigene Abwehr nachhaltig zu stärken. In mehreren Untersuchungen zeigte sich nach längeren Aufenthalten im Wald tatsächlich eine erhöhte Aktivität jener Abwehrzellen, die im Körper für die Bekämpfung von Krankheitserregern zuständig sind.
Die Kraft der stillen Natur
Neben all diesen rein körperlichen Effekten spielt beim Waldbaden vor allem die Wirkung auf die Seele und das allgemeine Wohlbefinden eine ganz große Rolle. Sehr viele Menschen berichten davon, dass sie sich nach einer ruhigen Zeit im Wald deutlich gelassener, ausgeglichener und innerlich klarer fühlen als zuvor. Die Natur scheint eine ganz besondere Fähigkeit zu besitzen, den aufgewühlten Geist zu beruhigen, kreisende Gedanken zu lösen und die oft angespannte Stimmung merklich aufzuhellen.
Einen wichtigen Anteil daran haben offenbar auch die sanften und zutiefst natürlichen Geräusche des Waldes selbst. Das leise Plätschern eines kleinen Baches, das muntere Zwitschern der Vögel und das raschelnde Spiel des Laubes wirken auf die meisten Menschen ausgesprochen beruhigend und wohltuend. In einer Welt, die von ständigem Lärm, grellen Bildschirmen und einer permanenten Reizüberflutung geprägt ist, bietet der stille Wald einen seltenen und überaus kostbaren Rückzugsort für die strapazierten Nerven.
Ein weltweiter Trend
Längst schon ist das Waldbaden nicht mehr nur auf sein fernes Ursprungsland Japan beschränkt, sondern hat sich mittlerweile zu einem echten weltweiten Phänomen entwickelt. In zahlreichen Ländern wird die heilsame Wirkung der Natur heute ganz bewusst für die Vorbeugung und sogar für die Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden genutzt. Mancherorts verschreiben Ärzte ihren Patienten inzwischen sogar ganz offiziell regelmäßige Aufenthalte in der freien Natur als eine Art sanfte und natürliche Medizin.
Auch in Deutschland, einem Land mit seinen weiten und tief verwurzelten Waldtraditionen, erfreut sich das Waldbaden einer rasch wachsenden Beliebtheit bei den Menschen. Immer mehr von ihnen entdecken die heimischen Wälder als einen Ort der Ruhe und der Erholung ganz neu für sich, und vielerorts werden mittlerweile sogar eigene Kurse und geführte Touren dazu angeboten. Der Wald, der hier seit jeher eine ganz besondere kulturelle Bedeutung besitzt, wird so wieder zu einem echten Ort der Gesundheit.
So gelingt das Waldbaden
Das wirklich Schöne am Waldbaden ist, dass es im Grunde überhaupt keine besondere Ausrüstung, keinerlei Vorkenntnisse und auch kein großes Budget erfordert, denn alles, was man wirklich braucht, ist ein Wald und ein wenig Zeit. Am besten lässt man das Mobiltelefon einfach einmal ganz in der Tasche stecken, geht dann betont langsam und ohne ein festes Ziel los und versucht, mit allen Sinnen bewusst wahrzunehmen, was einen gerade umgibt, ganz ohne jede Eile und ohne allen Leistungsdruck.
Man kann dabei die raue Rinde eines Baumes berühren, den erdigen Duft des Waldbodens tief einatmen, den einzelnen Lichtstrahlen zwischen den Blättern folgen oder sich auch einfach für eine Weile still auf einen umgefallenen Baumstamm setzen und einfach nur lauschen. Schon ein bis zwei Stunden in dieser achtsamen Haltung können laut den Fachleuten eine spürbar wohltuende Wirkung entfalten. Der Wald steht dabei geduldig für jeden einzelnen Menschen bereit, der nur bereit ist, für einen Moment innezuhalten.
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