Im mecklenburgischen Greifswald hat der Fusionsreaktor Wendelstein 7-X einen neuen Weltrekord aufgestellt und dabei erstmals klassische Tokamaks übertroffen. Zugleich planen Wissenschaft und Industrie in Bayern einen Demonstrationsreaktor. Deutschland mischt im Rennen um die Sternenenergie ganz vorn
Es gibt Nachrichten aus der Physik, die klingen wie Science-Fiction und sind doch handfeste Forschung. Eine davon kommt gerade aus dem Nordosten Deutschlands, wo eine seltsam verdrehte Maschine namens Wendelstein 7-X versucht, die Energiequelle der Sterne einzufangen. Und tatsächlich hat sie dabei einen neuen Weltrekord aufgestellt.
Ein Rekord aus Greifswald
Am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald erreichte das Team von Wendelstein 7-X einen neuen Bestwert beim sogenannten Tripelprodukt, einer zentralen Kennzahl der Fusionsforschung. Der Wert wurde über eine lange Plasmaentladung von 43 Sekunden gehalten, ein Weltrekord für Anlagen dieses Typs und ein wichtiger Schritt nach vorn.
Was das Tripelprodukt verrät
Das Tripelprodukt fasst drei Größen zusammen, die für eine Fusion entscheidend sind: die Dichte des Plasmas, seine Temperatur und die Zeit, für die es zusammengehalten wird. Nur wenn alle drei gleichzeitig hoch genug sind, kann eine Fusion überhaupt Energie liefern. Genau deshalb gilt diese Kennzahl als eine Art Fieberkurve des Fortschritts.
Heißer als der Kern der Sonne
Um dorthin zu gelangen, wurde das Wasserstoffplasma auf rund 30 Millionen Grad aufgeheizt, ein Vielfaches der Temperatur, die man aus dem Inneren der Sonne kennt. Bei solchen Bedingungen lösen sich Atome in einen elektrisch geladenen Nebel auf, das Plasma, den keine feste Wand berühren darf, ohne sofort Schaden zu nehmen.
Warum ausgerechnet die Sonne

Die Idee hinter der Fusion stammt direkt vom Himmel. In der Sonne verschmelzen unter enormem Druck leichte Wasserstoffkerne zu Helium und setzen dabei gewaltige Mengen Energie frei. Wer diesen Vorgang auf der Erde beherrscht, hätte eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle, die weder klimaschädliches Kohlendioxid noch langlebigen hochradioaktiven Abfall im großen Stil hinterlässt.
Stellarator gegen Tokamak
Weltweit konkurrieren zwei Bauformen um die beste Lösung. Der Tokamak ist ringförmig und vergleichsweise einfach, braucht aber einen starken elektrischen Strom im Plasma. Der Stellarator wie Wendelstein 7-X sieht dagegen aus wie verbogen und ist extrem kompliziert zu bauen, verspricht dafür aber einen ruhigeren und dauerhaften Betrieb.
Ein historischer Vergleich
Das eigentlich Bemerkenswerte am neuen Rekord ist laut den Fachleuten, dass Wendelstein 7-X bei diesen langen, kraftwerkstypischen Plasmazeiten zum ersten Mal alle Tokamak-Anlagen übertroffen hat. Damit rückt die einst als exotisch geltende Stellarator-Bauweise plötzlich ins Zentrum der Hoffnungen auf ein künftiges Fusionskraftwerk.
Die Industrie steigt ein
Parallel zur Grundlagenforschung wächst das Interesse der Wirtschaft. Im Februar 2026 unterzeichneten das bayerische Wirtschaftsministerium, das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, der Energiekonzern RWE und das Start-up Proxima Fusion eine Absichtserklärung, um in Bayern einen Demonstrationsreaktor mit dem Namen Alpha zu entwickeln.
Vom Labor zum Kraftwerk
Solche Partnerschaften sind ein wichtiges Signal, denn der Weg vom physikalischen Experiment zum stromliefernden Kraftwerk ist noch lang und teuer. Ein geplantes Pilotwerk mit dem Namen Stellaris soll später zeigen, ob sich die im Labor gewonnenen Rekorde tatsächlich in nutzbare und bezahlbare Energie für das Netz übersetzen lassen.
Kein Wettlauf allein
Deutschland ist mit diesem Ehrgeiz nicht allein. Rund um den Globus arbeiten staatliche Großprojekte und private Firmen mit Milliardenbudgets daran, die Fusion zum Laufen zu bringen. Doch der Greifswalder Rekord zeigt, dass die deutsche Forschung in diesem internationalen Rennen eine erstaunlich starke und eigenständige Position einnimmt.
Warum das uns alle angeht
Auch wenn das erste Fusionskraftwerk noch viele Jahre entfernt ist, lohnt sich der Blick auf solche Meilensteine schon jetzt. Sie erzählen davon, wie hartnäckige Grundlagenforschung Schritt für Schritt eine Vision greifbarer macht, die unsere Energieversorgung eines Tages von Grund auf verändern könnte, sauber und im besten Fall für sehr lange Zeit.
Ein Stück Sonne zum Frühstück
Für mich ist Wendelstein 7-X genau die Art Geschichte, die man morgens beim Kaffee erzählen möchte. Eine verdrehte Maschine im platten Norden, ein Plasma heißer als ein Stern und ein Team, das geduldig an der Zukunft schraubt. Physik muss nicht abgehoben sein, manchmal steckt in ihr einfach ein kleines Stück eingefangene Sonne.

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