Der Pilz, den wir im Herbst sehen, ist nur die Spitze eines riesigen unterirdischen Geflechts. Wie Pilze und Baumwurzeln im Waldboden zusammenarbeiten, was die Forschung über das Wood Wide Web weiss und wo die Wissenschaft noch streitet.
Wer im Herbst durch einen feuchten Wald streift und einen Steinpilz oder einen violetten Lacktrichterling entdeckt, sieht in Wahrheit nur einen winzigen Teil eines viel grösseren Lebewesens. Denn der eigentliche Pilz verbirgt sich unter unseren Füssen, als ein feines, weit verzweigtes Geflecht, das den ganzen Waldboden durchzieht und dort eine erstaunliche Aufgabe erfüllt.
Nur die Spitze des Pilzes
Was wir umgangssprachlich Pilz nennen, ist botanisch gesehen nur der Fruchtkörper, also das Organ, das Sporen bildet und für die Vermehrung sorgt. Der weitaus grössere Teil besteht aus dem Myzel, einem Netz feinster Fäden, die den Boden durchziehen und die eigentliche Masse und Lebensdauer des Organismus ausmachen.
Diese Pilzfäden begnügen sich jedoch nicht damit, den Boden zu durchwachsen, sondern legen sich um die feinen Wurzeln der Bäume oder dringen sogar in sie ein. Aus dieser engen Verbindung entsteht die sogenannte Mykorrhiza, ein uraltes Bündnis zwischen Pilz und Pflanze, von dem beide Seiten in bemerkenswerter Weise profitieren.
Ein Bündnis unter der Erde

Das Prinzip dieser Partnerschaft ist ein Tauschgeschäft, das seit Jahrmillionen funktioniert. Der Baum liefert dem Pilz energiereichen Zucker, den er in seinen Blättern durch die Photosynthese aus Sonnenlicht gewinnt, und gibt so einen Teil seiner mühsam erzeugten Nahrung ab.
Im Gegenzug erschliesst der Pilz mit seinem dichten Fadennetz eine viel grössere Bodenfläche, als es die Wurzeln allein je könnten, und versorgt den Baum mit Wasser sowie mit wichtigen Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff. Die meisten Waldbäume sind auf diese Hilfe angewiesen, und viele bekannte Speisepilze wie der Steinpilz gehören zu diesen treuen Partnern.
Das Wood Wide Web
Spannend wird es, weil ein einzelnes Pilzgeflecht oft nicht nur einen einzigen Baum umschliesst, sondern gleich mehrere Bäume miteinander verbindet. So entsteht unter dem Waldboden ein regelrechtes Netzwerk, das Forschende in Anspielung auf das Internet mit dem Begriff Wood Wide Web getauft haben, der Mitte der neunziger Jahre in einer renommierten Fachzeitschrift populär wurde.
Berühmt wurde vor allem die kanadische Forstökologin Suzanne Simard, die 1997 zeigen konnte, dass Birken und Douglasien über solche Pilzverbindungen Kohlenstoff austauschen. In ihren Versuchen wanderte der markierte Nährstoff sogar von einer Baumart zur anderen, was die Vorstellung eines rein konkurrierenden Waldes ins Wanken brachte.
Mutterbäume und ihre Setzlinge
Mit Hilfe von radioaktiv markiertem Kohlenstoff verfolgte Simard, wie grosse, alte Bäume überschüssige Nahrung an kleine, beschattete Setzlinge weitergaben. Für diese besonders vernetzten und versorgenden Exemplare prägte sie den einprägsamen Begriff der Mutterbäume, die den jungen Nachwuchs im Schatten des Kronendachs unterstützen.
Aus diesen Beobachtungen entstand das populäre Bild eines Waldes, der weniger einem Schlachtfeld als einer kooperativen Gemeinschaft gleicht, in der Bäume einander über das Pilznetz helfen. Diese Erzählung fand grossen Anklang und prägte zahlreiche Bücher, Dokumentationen und Vorträge über das geheime Leben der Wälder.
Wie viel Wahrheit steckt im Bild?
So faszinierend diese Vorstellung ist, mahnen inzwischen einige Fachleute zur Vorsicht, denn nicht jeder Teil des populären Bildes gilt als gesichert. Sie geben zu bedenken, dass viele Studien unter kontrollierten Bedingungen entstanden und die Frage, wie stark Bäume im echten Wald tatsächlich Ressourcen teilen oder gar miteinander kommunizieren, wissenschaftlich noch offen und umstritten ist.
Unbestritten bleibt hingegen der Kern der Sache, nämlich dass die Symbiose zwischen Pilz und Baumwurzel real und für den Wald von grösster Bedeutung ist. Wie weit sich die Netzwerke erstrecken und welche Rolle sie im Detail spielen, ist ein aktives Forschungsfeld, in dem Begeisterung und nüchterne Skepsis noch um die beste Erklärung ringen.
Warum es uns angeht
Für den Schutz unserer Wälder ist das Verständnis dieser unterirdischen Welt keineswegs nebensächlich, sondern zunehmend wichtig. Ein gesunder Boden voller Pilze ist die Grundlage für widerstandsfähige Bäume, und gerade im Klimawandel könnte dieses verborgene Geflecht darüber mitentscheiden, wie gut sich Wälder an Trockenheit und Hitze anpassen können.
So lohnt es sich, beim nächsten Herbstspaziergang den unscheinbaren Pilz am Wegesrand mit anderen Augen zu betrachten. Denn er ist nur das sichtbare Zeichen eines stillen, weit gespannten Netzwerks, das seit Jahrmillionen die Bäume nährt und uns bis heute Rätsel aufgibt, die die Wissenschaft erst nach und nach entschlüsselt.

Keep subscribing to Sophie SchröderHer next filing reaches you the moment it publishes, on her own subdomain.
Subscribe
