In ländlichen Regionen Deutschlands soll Telemedizin dabei helfen, die ärztliche Versorgung sicherzustellen. In einem Pflegeheim kommt dafür ein medizinischer Koffer zum Einsatz, der ein Blutdruckmessgerät, ein Gerät zur Messung der Sauerstoffsättigung und ein Blutzuckermessgerät enthält. Das Besondere daran ist, dass sich damit inzwischen auch ein EKG schreiben lässt.
Wie nötig das ist, zeigt der Fall eines Bewohners. Herr Wichmann fühlt sich unwohl und klagt über Brustschmerzen. Pflegerin Tanja Raffel überprüft daraufhin seine Werte und stellt einen hohen Blutdruck fest. In Kombination mit den Schmerzen und einer Vorerkrankung ist klar, dass sich das ein Arzt genauer ansehen sollte.
Dieser Arzt ist Sebastian Bär, Allgemeinmediziner mit eigener Praxis, der zudem als Notarzt und in der Bergrettung arbeitet und rund um die Uhr im Einsatz ist. Die im Pflegeheim erhobenen Befunde sieht er sich aus der Ferne an, auch von zu Hause oder von unterwegs. Für Herrn Wichmann gibt es Entwarnung, denn der bekannte Blutdruck- und Herzpatient kann zu Hause bleiben, nachdem ein Herzinfarkt ausgeschlossen wurde.
Der Hintergrund ist ein massives Missverhältnis, denn es gibt zu wenige Ärzte für zu viele Patienten. Bärs Bereitschaftsbereich hat einen Durchmesser von 120 Kilometern, sodass er nach eigener Schilderung rund 80 Prozent der Zeit auf der Straße verbringt und nur 20 Prozent mit der eigentlichen Behandlung. Ohne Telemedizin müsste er bei einem Notruf aus dem Altenheim seine Praxissprechstunde unterbrechen.
Eine Rolle spielen auch die Medikamente. Pflegeheime dürfen Arzneien nicht für Notfälle vorrätig lagern, das ist nur Ärzten und Apothekern erlaubt. Im Koffer befinden sich deshalb die wichtigsten Mittel wie Antibiotika, Schmerzmittel und Blutdrucksenker. Zugleich wurden bürokratische Hürden abgebaut, sodass ein Aufenthaltsraum des Personals nun offiziell als Praxisraum des Arztes gilt.
Hinter dem Projekt steht das TOM-Klinikum in München, das nicht nur die Initiatoren stellt, sondern auch als Backup dient, falls der Telearzt auf dem Land einmal ausfällt. Die Daten werden wöchentlich ausgewertet, und die Telemedizin wird gezielt eingesetzt. Schwere Fälle wie Bewusstlosigkeit, Schlaganfall oder starke Brustschmerzen bleiben außen vor, behandelt werden kleinere Beschwerden wie Wunden, leichte Bauchschmerzen, ein zu schneller oder zu langsamer Puls oder eine Blasenentzündung. So lassen sich unnötige Fahrten und Klinikaufenthalte vermeiden, was pro Transport einen oberen dreistelligen bis kleinen vierstelligen Eurobetrag spart.
Der Gesundheitsökonom Professor David Matusiewicz verweist darauf, dass andere Länder wie die USA, Schweden oder Estland es vormachen, während Deutschland hinterherhinke. An der aktuellen Gesundheitsreform kritisiert er, dass vor allem auf die Einnahmenseite geschaut werde und zu wenig auf die Ausgaben, obwohl Studien zufolge zehn bis zwölf Milliarden Euro eingespart werden könnten, wenn Telemedizin flächendeckend zum Einsatz käme. In Aachen, angegliedert an die Feuerwehr, unterstützt Telemedizinerin Laura Tater die Sanitäter in den Rettungswagen. Die Stadt gilt seit über zehn Jahren als Vorreiter, ist mit 60 ausgestatteten Rettungsfahrzeugen bundeslandübergreifend verbunden und will den Notarzt so sparsam einsetzen, dass er dort verfügbar bleibt, wo er wirklich gebraucht wird.
