Viele denken bei der Energiewende zuerst an Solar, doch der eigentliche Motor dreht sich höher am Himmel. 2026 erreicht Deutschlands Windkraft historische Meilensteine, an Land und erstmals über der 10-Gigawatt-Marke auf See. Eine Bilanz der Rekorde und offenen Baustellen.
Wenn von Deutschlands großer Energiewende die Rede ist, denken viele Menschen zuerst an die glänzenden Solarpaneele auf den Dächern der Häuser. Doch der eigentliche, oft unterschätzte Motor dieser gewaltigen Transformation dreht sich viel höher oben am Himmel. Es ist die Windkraft, die im Jahr 2026 gleich mehrere historische Meilensteine erreicht und die Stromversorgung des ganzen Landes grundlegend verändert.
Der Motor der Energiewende
Die schiere Bedeutung der Windkraft lässt sich am besten an einer einzigen, wirklich beeindruckenden Zahl ablesen. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2026 erzeugten die Windräder an Land rund 53,1 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das entspricht etwa 23 Prozent der gesamten deutschen Stromerzeugung und macht die Windkraft damit unangefochten zum tragenden Rückgrat der Energiewende.
Auch die reine Größe des bisherigen Ausbaus ist inzwischen enorm und über viele Jahrzehnte hinweg gewachsen. Ende Juni 2026 drehten sich in ganz Deutschland bereits rund 29.250 Windkraftanlagen an Land, die zusammen auf eine installierte Leistung von etwa 70 Gigawatt kamen. Damit ist ein dichtes Netz aus Turbinen entstanden, das die Landschaft vieler Regionen sichtbar prägt.
Ein Rekord bei den Genehmigungen

Das Tempo des Zubaus hat im Jahr 2026 spürbar angezogen und die Werte des Vorjahres deutlich übertroffen. In den ersten sechs Monaten gingen 423 neue Windräder mit einer Leistung von rund 2,36 Gigawatt ans Netz, ein Plus von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nach Abzug der stillgelegten Altanlagen blieb unter dem Strich ein Netto-Zuwachs von etwa 1,9 Gigawatt.
Noch vielversprechender als die aktuellen Zahlen ist jedoch der Blick auf die genehmigten Projekte für die kommende Zeit. In den ersten sechs Monaten des Jahres erteilten die Behörden Genehmigungen für Windprojekte an Land mit einer Gesamtleistung von rund 9 Gigawatt. Das ist ein neuer Rekord für diesen Zeitraum und füllt die Pipeline für die kommenden Jahre spürbar auf.
Das ehrgeizige Ziel wackelt
Trotz dieser durchaus erfreulichen Dynamik bleibt eine deutliche Lücke zwischen dem politischen Anspruch und der tatsächlich gebauten Wirklichkeit bestehen. Das erklärte Ziel der Bundesregierung, bis zum Ende des Jahres 2026 eine installierte Leistung von 84 Gigawatt an Land zu erreichen, wird nach aktuellem Stand aller Voraussicht nach recht deutlich verfehlt werden.
Die Gründe für diese Kluft sind vielfältig und liegen vor allem in den langen Zeiträumen zwischen Planung und Fertigstellung. Zwischen der Genehmigung eines Windparks und der tatsächlichen Inbetriebnahme vergehen oft mehrere Jahre, in denen Netzanschlüsse, Lieferketten und der eigentliche Bau bewältigt werden müssen. Der Rekord bei den Genehmigungen stimmt dennoch sehr hoffnungsvoll.
Durchbruch auf hoher See
Während an Land immer neue Turbinen wachsen, gelang der Windkraft auf dem offenen Meer im Jahr 2026 ein besonders symbolträchtiger Durchbruch. Zum ersten Mal in der Geschichte überschritt die installierte Leistung der Offshore-Anlagen zum Stichtag Ende Juni die wichtige Marke von 10 Gigawatt. Damit erreichte die deutsche Windkraft auf See eine völlig neue, bedeutende Dimension.
Konkret drehten sich zu diesem Zeitpunkt 1.764 Offshore-Windräder in der Nord- und Ostsee, die zusammen eine Leistung von 10,8 Gigawatt lieferten. Allein im ersten Halbjahr kamen dabei 1.077 Megawatt an neuer Leistung hinzu. Diese gewaltigen Anlagen weit draußen auf hoher See funktionieren im Grunde wie große Kraftwerke mitten im Wasser.
Warum der Wind so entscheidend ist
Gemeinsam bilden die Windkraft an Land und die Anlagen auf See das tragende Fundament der gesamten deutschen Energiewende. Sie sollen schrittweise die alten fossilen Kraftwerke ersetzen, die Abhängigkeit von importierten Energieträgern verringern und dem Land helfen, seine ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Ohne einen massiven Ausbau der Windkraft ist all das schlicht nicht denkbar.
Doch mit dem reinen Aufstellen der Türme allein ist es längst nicht getan, denn die eigentliche Herausforderung liegt an einer ganz anderen Stelle. Der im windreichen Norden erzeugte Strom muss über gewaltige neue Leitungen bis zu den energiehungrigen Industriezentren im Süden transportiert werden, und auch leistungsfähige Speicher für die windstillen Tage werden dringend benötigt.
Der Blick nach vorn
Der Blick in die nahe Zukunft stimmt trotz aller bestehenden Hürden vorsichtig optimistisch, vor allem wegen der starken Genehmigungszahlen. Sie deuten klar darauf hin, dass sich das Tempo des Ausbaus in den kommenden Jahren weiter beschleunigen dürfte. Angetrieben wird diese Entwicklung zusätzlich von der wachsenden Nachfrage der Industrie nach verlässlichem und bezahlbarem grünem Strom.
Der Wind dreht sich also im Jahr 2026 in Deutschland in gleich doppelter Hinsicht, ganz buchstäblich auf den Feldern und Meeren sowie im übertragenen Sinne in der gesamten Energiepolitik. Das Land setzt einen beträchtlichen Teil seiner industriellen Zukunft auf die Kraft aus purer Luftbewegung, und die jüngsten Rekorde zeigen, dass diese gewaltige Wette allmählich aufzugehen beginnt.
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