Fast alle der 96 vermessenen Gletscher Österreichs sind laut jüngstem Gletscherbericht zurückgegangen, manche um über hundert Meter. Ein Blick auf den alpinen Eisschwund im Jahr 2026.
Die mächtigen Eisfelder der österreichischen Alpen galten über Generationen als Sinnbild für Beständigkeit. Doch dieses Bild bröckelt buchstäblich. Der jüngste Gletscherbericht zeichnet für 2026 ein alarmierendes Bild, denn nahezu alle vermessenen Gletscher des Landes ziehen sich zurück. Was Fachleute seit Jahren voraussagen, lässt sich nun in nüchternen Zahlen und Metern ablesen.
Fast alle Gletscher im Rückzug
Die zentrale Erkenntnis ist ebenso einfach wie ernüchternd. Von den insgesamt sechsundneunzig beobachteten Gletschern Österreichs haben sich vierundneunzig zurückgezogen, also praktisch alle bis auf zwei. Der Bericht, der von den Fachleuten des Österreichischen Alpenvereins erstellt wird, dokumentiert damit einen Schwund, der sich über die vergangenen beiden Messjahre erstreckt.
Besonders drastisch fielen die Werte an einzelnen Gletschern aus. Der Alpeiner Ferner in Tirol büßte den Angaben zufolge rund hundertvierzehn Meter an Länge ein, während das Stubacher Sonnblickkees in Salzburg um etwa hundertvier Meter zurückging. Beide verloren somit deutlich über hundert Meter, während der durchschnittliche Rückzug aller Gletscher bei mehr als zwanzig Metern lag.
Auffällig ist zudem, wie gleichmäßig sich das Bild über die verschiedenen Regionen erstreckt. Ob in Tirol, in Salzburg oder in den angrenzenden Gebirgsgruppen, überall verzeichnen die Messungen ähnliche Tendenzen. Der Eisschwund ist damit kein lokales Phänomen einzelner Täler, sondern eine flächendeckende Entwicklung, die das gesamte österreichische Hochgebirge in seiner Breite erfasst hat.
Die Pasterze kämpft ums Überleben

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht die Pasterze, der größte Gletscher Österreichs. An ihr schreitet der Zerfall der Gletscherzunge unaufhaltsam voran. Im Verlauf des heißen Sommers 2026 hing der Zusammenhalt des Eises nur noch an einem letzten, dünner werdenden Eisfall, der die obere und die untere Partie miteinander verbindet und dessen Abbruch als kaum noch abwendbar gilt.
Doch die Pasterze ist kein Einzelfall. Auch kleinere Gletscher zeigen deutliche Verluste, etwa der Berglasferner in den Stubaier Alpen, der im Messjahr 2024 auf 2025 um mehr als vierundsechzig Meter schrumpfte. Solche Zahlen verdeutlichen, dass der Rückzug längst nicht mehr nur die bekannten großen Eismassen betrifft, sondern die alpine Gletscherwelt in ihrer gesamten Breite.
Nicht nur kürzer, sondern zerfallend
Ein besonders besorgniserregender Aspekt ist die Art des Schwunds. Viele Gletscher werden nicht einfach nur kürzer, sondern brechen regelrecht auseinander. Dabei treten zuvor verborgene Felsvorsprünge zutage, und ganze Gletscherzungen kollabieren. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer strukturellen Auflösung, die weit über den gewohnten, allmählichen Rückgang hinausgeht.
In den historischen Zusammenhang gestellt, wird das Ausmaß noch deutlicher. Der aktuelle Rückzug zählt zu den größten, die je verzeichnet wurden, und rangiert in der rund hundertfünfunddreißigjährigen Geschichte der systematischen Messungen unter den acht stärksten überhaupt. Damit reiht sich das Jahr in eine Serie außergewöhnlich verlustreicher Perioden ein.
Stimmen aus der Wissenschaft
Auch die Verantwortlichen selbst betonen die Dringlichkeit der Lage. Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins, verwies auf den Ernst der Entwicklung und die Notwendigkeit, den Ursachen entschlossen zu begegnen. Ihre Worte spiegeln eine wachsende Sorge wider, dass ein vertrautes Stück alpiner Landschaft unwiederbringlich verloren gehen könnte.
Die Fachleute sehen im anhaltenden Eisschwund vor allem eine unmittelbare Folge steigender Temperaturen. Warme Sommer lassen mehr Eis schmelzen, als sich im Winter durch Schneefall neu bilden kann. Über die Jahre summiert sich dieses Defizit, bis selbst mächtige Gletscher wie die Pasterze an die Grenzen ihrer Widerstandsfähigkeit gelangen und sichtbar zerfallen.
Warum das wichtig ist
Der Rückzug der Gletscher ist weit mehr als ein optischer Verlust in den Bergen. Gletscher wirken als natürliche Wasserspeicher, die im Sommer Flüsse speisen, und sie sind von großer Bedeutung für Ökosysteme, Landwirtschaft und den Tourismus. Ihr Schwinden verändert somit ganze Landschaften und stellt die Regionen vor spürbare wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen.
Ein anschauliches Beispiel für das Tempo des Wandels lieferte der Fund alter Überreste einer Skiliftanlage, die durch das schmelzende Eis eines Gletschers wieder zum Vorschein kamen. Solche Entdeckungen führen eindringlich vor Augen, wie stark sich die vereisten Höhenlagen in vergleichsweise kurzer Zeit verändert haben und was künftigen Generationen dort möglicherweise verloren geht.
Insgesamt markiert 2026 ein weiteres einschneidendes Jahr für die österreichische Gletscherwelt. Die Zahlen sind eindeutig, und die Bilder der zerfallenden Eiszungen sprechen eine deutliche Sprache. Der Weg zu einer Stabilisierung ist lang und hängt von Entwicklungen ab, die weit über die Alpen hinausreichen, doch die genaue Beobachtung bleibt ein wichtiger erster Schritt.
