Der jüngste Waldzustandsbericht zeichnet ein düsteres Bild: Nur noch jeder fünfte Baum in Deutschland gilt als gesund. Dürre, Stürme und ein sich wandelndes Klima setzen Fichten, Buchen und Eichen seit Jahren massiv zu.
Kaum ein Landschaftsbild ist so tief mit dem deutschen Selbstverständnis verbunden wie der Wald. Doch hinter den vertrauten Bildern von Buchenhallen und dunklen Fichtenforsten verbirgt sich eine stille Krise, die von Jahr zu Jahr deutlicher wird und inzwischen fast jeden Baum im Land erfasst hat.
Ein Bericht mit alarmierenden Zahlen
Der aktuelle Waldzustandsbericht, den die Bundesregierung jedes Jahr vorlegt, liest sich wie eine einzige Warnung. Rund achtzig Prozent aller Bäume in Deutschland sind demnach geschädigt, und nur noch etwa jeder fünfte Baum kann überhaupt als vollständig gesund eingestuft werden.
Vorgestellt wurde die jüngste Bilanz vom zuständigen Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, der die Lage unmissverständlich benannte. Seit dem Jahr 2022 verharrt der Wald auf einem historischen Tiefpunkt, und von einer echten Erholung ist bislang in den Kronen der Bäume kaum etwas zu erkennen.
Keine Baumart bleibt verschont
Besonders beunruhigend ist, dass sich die Schäden quer durch alle wichtigen Baumarten ziehen. Bei der Fichte, dem klassischen Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft, gilt nur noch rund ein Viertel der Bestände als gesund, während der Rest sichtbare Schäden in den Kronen zeigt.
Noch schlechter fällt die Bilanz bei anderen Arten aus. Von den Kiefern werden lediglich etwa dreizehn Prozent als gesund bewertet, bei den Eichen sieht es mit einem ähnlichen Wert kaum besser aus, und selbst die einst so robuste Buche erreicht nur noch einen Anteil von rund einundzwanzig Prozent.
Die alten Bäume leiden am meisten

Wer durch den Wald geht, sieht die Krise vor allem dort, wo eigentlich die stärksten Bäume stehen sollten. Denn ausgerechnet die älteren Exemplare, die über sechzig Jahre auf dem Stamm haben, sind überdurchschnittlich stark von der sogenannten Kronenverlichtung betroffen und verlieren einen großen Teil ihres Laubs.
Die Zahlen belegen diesen Eindruck deutlich. Bei den alten Bäumen weisen etwa vierundvierzig Prozent eine deutliche Verlichtung der Krone auf, während es bei den jüngeren unter sechzig Jahren nur rund siebzehn Prozent sind. Gerade die prägenden Riesen des Waldes sind also am stärksten in Gefahr.
Dürre, Stürme und ein Klima im Wandel
Die Ursachen für den schlechten Zustand sind vielfältig, hängen aber eng mit dem Klimawandel zusammen. Der deutsche Wald hat sich von den extremen Dürrejahren der jüngeren Vergangenheit bis heute nicht erholt, weil trockene Sommer, heftige Stürme und plötzliche Überschwemmungen einander in rascher Folge ablösen.
Die Folgen sind auf großer Fläche sichtbar geworden. Nach den Trockenjahren breiteten sich Schädlinge wie der Borkenkäfer rasant aus, und in der Summe gingen über die Jahre hunderttausende Hektar Wald verloren, die nun mühsam und mit hohen Kosten wieder aufgeforstet werden müssen.
Mehr als ein Wirtschaftsfaktor
Für Deutschland steht dabei viel auf dem Spiel, denn der Wald ist weit mehr als eine Kulisse für den Sonntagsspaziergang. Er liefert den Rohstoff Holz, bindet große Mengen Kohlendioxid, filtert das Trinkwasser und bietet unzähligen Tier- und Pflanzenarten einen unverzichtbaren Lebensraum.
Zugleich ist der Wald ein wichtiger Wirtschaftszweig, der vielen Familienbetrieben und ganzen Regionen ein Auskommen sichert. Kranke Bestände bedeuten daher nicht nur einen ökologischen Verlust, sondern stellen auch die Forstwirtschaft und die verarbeitende Holzindustrie vor gewaltige Herausforderungen.
Ein langer Weg zur Erholung
Fachleute sind sich einig, dass sich der Wald nur langsam wieder stabilisieren kann, wenn überhaupt. Setzlinge, die heute gepflanzt werden, brauchen Jahrzehnte, um zu großen Bäumen heranzuwachsen, und niemand weiß mit Sicherheit, welches Klima sie in dieser langen Zeit erwarten wird.
Umso wichtiger ist es nach Ansicht vieler Forstleute, jetzt auf widerstandsfähige und gemischte Wälder zu setzen, statt weiter auf einzelne, anfällige Baumarten zu vertrauen. Ob dieser Umbau gelingt, wird darüber entscheiden, in welchem Zustand kommende Generationen den deutschen Wald erleben werden.
