Im Spreewald südlich von Berlin ist ein Streit über die Zukunft der Landschaft entbrannt. Auf der einen Seite stehen jene, die der Natur mehr Raum geben wollen, auf der anderen jene, die für den Erhalt der gepflegten Kulturlandschaft kämpfen. Das Biosphärenreservat erstreckt sich über 75 Kilometer bis fast nach Cottbus, und obwohl von verschiedenen Seiten daran gearbeitet wird, dass dort allein die Natur Vorrang hat, wirkt vieles eher gezähmt: Man kann den Spreewald auch gemütlich auf Asphalt erkunden. Die Zahl der Tagestouristen geht trotzdem auf neun Millionen zu, angezogen vor allem von Wasser, Ruhe und dem Nichtstun in dieser Gegend.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die sogenannte Kernzone, die drei Prozent des gesamten Schutzgebiets umfasst und im nördlichen Teil des Spreewalds bei Schlepzig liegt. Diese hellgrünen Flächen bekommen Besucher nur selten zu sehen, denn während der Brutzeit der Vögel ist der Wald für sie gesperrt. Erst danach sind etwa Drohnenaufnahmen mit Sondergenehmigung möglich. So zeigt sich die Spree von ihrer wilden Seite, wenn man sie über Jahrzehnte in Ruhe lässt und nicht in ihren Lauf eingreift.
Für die Naturwacht ist die im Spreewald geborene Rangerin Leonie Huber neu im Dienst, und die Kernzone ist für sie Heimat und Neuland zugleich. Bei einem Gang durch das Gebiet deutet sie auf Details, die dem ungeübten Auge entgehen, etwa eine Rinde, die sich perfekt als Quartier für Fledermäuse eignet, mit Spalten und Höhlen. Genau solche Strukturen, erklärt sie, entstehen erst dort, wo der Mensch über lange Zeiträume nicht mehr eingreift und der Wald sich selbst überlassen bleibt.
Eugen Nowak, der Leiter des UNESCO-Biosphärenreservats, fasst das Ziel hinter diesem Ansatz zusammen. Nachdem über Jahrhunderte die gesamte Landschaft in Europa mehr oder weniger intensiv genutzt worden sei, wolle man sich auf einem ganz kleinen Bereich, eben den drei Prozent der Reservatsfläche, als Mensch einmal zurückziehen und beobachten, wie sich die Natur von allein entwickelt. Es gehe darum, daraus zu lernen und Rückzugsräume für sehr seltene Arten zu erhalten. Hinzu komme ein praktischer Nutzen: Nicht bewirtschaftete, naturnahe Wälder speichern besonders gut Wasser und Kohlendioxid.
In der Kernzone selbst vollzieht sich ein sichtbarer Wandel. Umgestürzte Bäume liegen kreuz und quer, seit Jahrzehnten greift hier niemand mehr ein, und ein solcher wilder Wald beherbergt Arten, die es in der Kulturlandschaft schwer haben, darunter seltene Fledermäuse. Der Zugang ist im Spätsommer zwar erlaubt, aber beschwerlich. Um den Wert dieser Zone zu vermitteln, bietet die Naturwacht Führungen an, bei denen sich die Waldentwicklung anschaulich zeigen lässt. Was die Besucherzahlen überschaubar hält, sind allerdings die Mücken, die in dem feuchten Gebiet eine echte Plage sind.
Gegen eine Ausweitung der Wildnis formiert sich Widerstand. An der Polenz-Schenke, einem Ausflugslokal, liegt der Kahn von Yves Schwarz, einem Mitbegründer der Bürgerinitiative. Gemeinsam mit Falkner Schwarz und Jens Martin, dem ehemaligen Bürgermeister der Nachbargemeinde Alt-Zauche, will er die neue Umweltministerin Brandenburgs in eine Kernzone führen, um ihr nach eigener Darstellung die schlimmste Seite dieser sich selbst überlassenen Flächen zu zeigen. Die Initiative will keinen weiteren Quadratmeter Wald für Wildnis abgeben, zumal die drei Prozent an besonders exponierten Orten lägen.
Ihr zentrales Argument lautet, dass auch ein Wirtschaftswald wild wirken kann. Der Unterschied bestehe darin, dass man im bewirtschafteten Wald Bäume nachsetzen und gezielt einzelne Bäume entnehmen könne, während die flächige Rodung früherer Zeiten der Vergangenheit angehöre. Als warnendes Beispiel führen sie Erlen an, die vor Jahren abstarben, weil ein Hochwasser nicht abfließen konnte und sie die Staunässe nicht vertragen. Wo dann nur noch Weidensträucher bleiben, sei kein Hochwald mehr im eigentlichen Sinne vorhanden. Ein Wald, so ihr Credo, müsse gepflegt werden, sonst bleibe er kein Wald. Derzeit, so der Eindruck vor Ort, haben die Großschutzgebiete in Deutschland in der Bevölkerung ohnehin keinen wirklichen Zuspruch.
