Hoch in den Alpen liefern Solaranlagen im Winter ein Vielfaches an Strom im Vergleich zum Flachland. Mit dem Solarexpress will die Schweiz ihre Winterstromlucke schliessen. Wir erklaren die Physik dahinter, den Stand der Projekte im Jahr 2026 und warum der Ausbau trotzdem harzt.
Wenn im Flachland der Nebel uber den Seen liegt und die Tage kurz werden, scheint hoch oben in den Alpen oft ungehindert die Sonne. Genau dieses Phanomen macht sich die Schweiz zunehmend zunutze, indem sie grosse Solaranlagen in den Bergen plant und baut. Der Grund ist einfach: Im Winter fehlt dem Land traditionell Strom, und ausgerechnet in dieser Zeit koennen hochgelegene Photovoltaik-Anlagen besonders viel Energie liefern. Was steckt hinter dieser Idee, und wie weit ist der Ausbau tatsaechlich gediehen?
Der Solarexpress
Um den Bau grosser Solaranlagen im Hochgebirge zu beschleunigen, hat das Schweizer Parlament im Herbst 2022 ein spezielles Foerderprogramm beschlossen, das unter dem Namen Solarexpress bekannt wurde. Die entsprechende gesetzliche Grundlage trat im Fruehjahr 2023 in Kraft und vereinfachte die Bewilligungsverfahren erheblich. Ziel ist es, die Versorgungssicherheit mit erneuerbarer Energie zu staerken, gerade im Winter, wenn die Schweiz traditionell auf Stromimporte aus dem Ausland angewiesen ist.
Warum der Winter zaehlt

Die sogenannte Winterstromlucke ist der eigentliche Kern des Problems. In den kalten Monaten verbraucht die Schweiz viel Energie fuers Heizen, waehrend die heimische Produktion sinkt und deshalb Strom importiert werden muss. Herkoemmliche Solaranlagen im Flachland liefern im Winter nur einen kleinen Teil ihres Jahresertrags, weil die Tage kurz sind und haeufig Nebel die Sonne verdeckt. Genau hier setzen die alpinen Anlagen an, die im entscheidenden Halbjahr deutlich mehr Strom erzeugen koennen.
Deutlich mehr Ertrag in den Bergen
Die Zahlen sind eindruecklich. Eine alpine Solaranlage liefert uebers Jahr gerechnet rund das Anderthalbfache einer vergleichbaren Anlage im Flachland, im Winterhalbjahr sogar bis zu fuenfmal so viel Strom. Waehrend eine Photovoltaik-Anlage im Flachland nur etwa einen Viertel ihres Jahresertrags in den Wintermonaten erzeugt, koennen alpine Anlagen in dieser Zeit rund die Haelfte erreichen. Damit adressieren sie genau jene Luecke, die im Schweizer Stromsystem am schwersten zu schliessen ist.
Ueber dem Nebelmeer
Ein wesentlicher Grund fuer den hohen Ertrag ist die Lage oberhalb der Nebelgrenze. Waehrend das Mittelland im Winter oft wochenlang unter einer dichten Hochnebeldecke liegt, ragen die Berge darueber hinaus in die klare Luft. Dort trifft die Sonnenstrahlung deutlich direkter und ungehinderter auf die Module. Zudem ist die Atmosphaere in grosser Hoehe duenner und sauberer, was ebenfalls dazu beitraegt, dass mehr nutzbares Sonnenlicht die Solarzellen erreicht und in Strom umgewandelt werden kann.
Der Schnee als Verbuendeter
Auch der Schnee spielt eine ueberraschend positive Rolle. Frisch gefallener Schnee reflektiert das Sonnenlicht stark, und diese Reflexion verstaerkt die Einstrahlung auf die Module zusaetzlich. Viele alpine Anlagen nutzen deshalb beidseitig aktive Module, die steil aufgestellt werden und so auch das vom Boden reflektierte Licht auf ihrer Rueckseite einfangen. Die steile Aufstellung hat zudem den Vorteil, dass der Schnee besser abrutscht und die Flaechen nicht dauerhaft bedeckt bleiben.
Kaelte hilft den Modulen
Ein weiterer physikalischer Vorteil liegt in den tiefen Temperaturen. Solarzellen arbeiten bei Kaelte effizienter als bei grosser Hitze, denn der Wirkungsgrad der Halbleiter sinkt, wenn sich die Module im Sommer stark aufheizen. In der kuehlen Bergluft bleiben die Zellen dagegen leistungsfaehiger. Zusammen mit dem steilen Aufstellwinkel, der dem flachen Stand der Wintersonne folgt, ergibt sich so eine Kombination von Faktoren, die den Winterertrag in der Hoehe besonders begunstigt.
Ehrgeizige Ziele, ernuechternde Bilanz
So ueberzeugend die Physik ist, so schwierig gestaltet sich die Umsetzung in der Praxis. Der Solarexpress sah vor, mit alpinen Anlagen zusaetzliche zwei Terawattstunden Strom pro Jahr zu gewinnen, und foerderte Projekte mit bis zu sechzig Prozent der Kosten. Dennoch wurden die urspruenglichen Ausbauziele bislang deutlich verfehlt. Viele geplante Vorhaben kamen nur langsam voran oder scheiterten ganz, sodass von der erhofften raschen Wende in der Winterstromproduktion vorerst wenig zu spueren ist.
Projekte im Jahr 2026
Einzelne Leuchtturmprojekte machen dennoch Fortschritte. Bei der Anlage Madrisa oberhalb von Klosters, die auf rund zweitausend Metern Hoehe liegt und konsequent auf hohe Winterproduktion ausgelegt ist, war fuer den Herbst 2026 eine Teilinbetriebnahme von etwa der Haelfte bis zu sechzig Prozent der Leistung geplant. Andere Vorhaben wie NalpSolar sind langfristiger angelegt und sollen erst gegen Ende des Jahrzehnts vollstaendig ans Netz gehen. Der Ausbau bleibt also ein Prozess ueber mehrere Jahre.
Hohe Kosten und weite Wege
Die Gruende fuer den zaehen Fortschritt sind vielfaeltig. Der Bau im hochalpinen Gelaende ist deutlich teurer als im Flachland, teils um das Zwei- bis Vierfache, weil Material und Maschinen aufwendig in die Hoehe transportiert werden muessen. Hinzu kommt, dass viele Standorte weit von bestehenden Stromleitungen entfernt liegen und teure Netzanschluesse noetig sind. Diese wirtschaftlichen Hurden machen es fuer Betreiber schwierig, die Projekte trotz Foerderung rentabel zu gestalten.
Eingriff in die Bergnatur
Neben den Kosten wiegt der Eingriff in die empfindliche Bergnatur schwer. Grosse Solarfelder veraendern das Landschaftsbild und koennen Lebensraeume von Tieren und Pflanzen beeintraechtigen, weshalb umfangreiche Umweltvertraeglichkeitspruefungen vorgeschrieben sind. Fuer viele Menschen ist die unberuehrte Bergwelt ein hohes Gut, das nicht leichtfertig verbaut werden soll. Der Konflikt zwischen Klimaschutz durch erneuerbare Energie und dem Schutz der alpinen Landschaft steht deshalb im Zentrum vieler Debatten.
Zwischen Zustimmung und Ablehnung
Dieser Zwiespalt zeigt sich auch an der Urne. Waehrend die alpine Solarenergie landesweit auf breite Zustimmung stoesst, werden einzelne Projekte in lokalen Abstimmungen immer wieder abgelehnt. In mehreren Gemeinden sagte die Bevoelkerung Nein zu geplanten Anlagen, waehrend andernorts klare Mehrheiten dafuer stimmten. Diese Spannung zwischen nationalem Ziel und lokalem Widerstand duerfte den weiteren Ausbau der alpinen Solarenergie in der Schweiz noch lange begleiten und praegen.
Ausgewogene Sicht auf Solarexpress.
Gut gesagt.

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