Jeden September erreicht das arktische Meereis seinen Tiefpunkt. Warum die Fläche seit 1979 um rund 12 Prozent pro Jahrzehnt schrumpft, was der weisse Spiegel am Pol mit unserem Wetter zu tun hat und warum die Arktis ein Frühwarnsystem ist.
Jedes Jahr im September geschieht am oberen Ende der Welt dasselbe: Das Eis auf dem Arktischen Ozean schrumpft auf seine kleinste Ausdehnung des ganzen Jahres. Für Fachleute ist dieser Moment einer der wichtigsten Gradmesser des Klimas überhaupt. Und auch in diesem Jahr gehörte das Minimum wieder zu den niedrigsten Werten, die je gemessen wurden.
Der Tiefpunkt im September

Das arktische Meereis atmet im Takt der Jahreszeiten. Im Winter friert die Meeresoberfläche zu und dehnt sich weit aus, im Sommer schmilzt sie wieder, bis sie im September ihren tiefsten Stand erreicht. Zuletzt lag dieses Minimum bei rund 4,6 Millionen Quadratkilometern und damit unter den zehn niedrigsten Werten der gesamten Messgeschichte.
Der langfristige Trend ist dabei eindeutig. Seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1979 schrumpft das September-Minimum um etwa zwölf Prozent pro Jahrzehnt. In Fläche ausgedrückt verschwinden Jahr für Jahr rund 74.000 Quadratkilometer Eis, das entspricht ungefähr der gesamten Fläche des Nachbarlands Österreich.
Die letzten neunzehn Jahre
Wie tiefgreifend die Entwicklung ist, zeigt ein einziger Vergleich besonders deutlich. Die neunzehn kleinsten Eisausdehnungen der gesamten Messreihe fielen allesamt in die vergangenen neunzehn Jahre. Den absoluten Rekord hält weiterhin das Jahr 2012, als die Fläche auf nur noch 3,41 Millionen Quadratkilometer zusammenschmolz.
Zwar hat sich der Rückgang in den letzten Jahren nicht weiter beschleunigt, doch das Eis verharrt auf einem gefährlich tiefen Niveau. Vor allem wird es immer jünger und dünner, weil das alte, mehrjährige Eis zunehmend verschwindet. Dünneres Eis aber schmilzt im darauffolgenden Sommer noch leichter und schneller wieder weg.
Warum das weisse Eis so wichtig ist
Das Meereis ist weit mehr als nur eine gefrorene Kruste am Pol. Seine weisse Oberfläche wirkt wie ein riesiger Spiegel, der einen Grossteil des einfallenden Sonnenlichts zurück ins All reflektiert. Schmilzt das Eis, liegt darunter der dunkle Ozean frei, der die Sonnenwärme aufnimmt, statt sie zurückzuwerfen.
So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Weniger Eis bedeutet mehr aufgenommene Wärme, und mehr Wärme lässt wiederum mehr Eis schmelzen. Genau dieser Mechanismus ist einer der Gründe dafür, dass sich die Arktis fast viermal so schnell erwärmt wie der Rest des Planeten.
Folgen weit über die Arktis hinaus
Die Auswirkungen bleiben nicht im hohen Norden. Die rasche Erwärmung heizt das Abschmelzen der grossen Eisschilde an, treibt den Meeresspiegel nach oben und lässt den Permafrostboden auftauen. Selbst die ausgedehnten Brände in den arktischen Wäldern und Tundren hängen mit dieser Entwicklung eng zusammen.
Auch das Wetter in unseren Breiten bleibt davon nicht unberührt. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass die stark erwärmte Arktis den Jetstream durcheinanderbringt, jenes Starkwindband in grosser Höhe, das unser Wetter steuert. Was weit oben am Pol geschieht, kann so bis nach Mitteleuropa ausstrahlen.
Was die Zahlen bedeuten
Für alle, die täglich mit Klimadaten arbeiten, ist das Meereis ein besonders klarer Indikator. Es lässt sich seit Jahrzehnten aus dem All zuverlässig vermessen, und seine Fläche reagiert unmittelbar auf die steigenden Temperaturen. Nur wenige Kennzahlen erzählen die Geschichte der Erwärmung so nüchtern und zugleich so eindringlich.
Kurzfristige Verschnaufpausen dürfen dabei nicht täuschen. Selbst wenn das Eis in einzelnen Jahren nicht weiter zurückgeht, steckt im gesamten System eine enorme Trägheit. Solange die Treibhausgase in der Atmosphäre weiter zunehmen, ist jede scheinbare Erholung nach heutigem Wissen nur vorübergehend.
Ein Frühwarnsystem
Die Arktis wirkt in diesem Sinn wie ein Frühwarnsystem für die ganze Erde. Was sich dort in Eis und Zahlen abzeichnet, kündigt Veränderungen an, die früher oder später auch andere Regionen erreichen werden. Das ferne Meereis ist damit sehr viel näher an unserem Alltag, als es auf den ersten Blick scheint.
Deshalb lohnt es sich, jedes Jahr im September genau hinzuschauen, wenn die neue Zahl für das Minimum veröffentlicht wird. Sie ist weit mehr als eine blosse Statistik aus einer unwirtlichen Weltgegend. Sie ist ein Fieberthermometer des Planeten, dessen Ausschläge uns am Ende alle etwas angehen.

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