Ein Impfstoffkandidat namens M72 hat in einer großen Phase-3-Studie mit rund 20.000 Teilnehmern eine wichtige Etappe erreicht. Er könnte der erste wirklich neue Schutz gegen Tuberkulose seit einem Jahrhundert werden und richtet sich gerade an Jugendliche und Erwachsene, die der alte Impfstoff kaum e
Tuberkulose klingt für viele Menschen in Deutschland nach einer Krankheit aus alten Romanen, nach Sanatorien hoch in den Bergen und einer längst vergangenen Zeit. In weiten Teilen der Welt ist sie jedoch bittere Gegenwart und fordert bis heute Jahr für Jahr unzählige Menschenleben.
Genau deshalb sorgt eine Nachricht aus der Impfstoffforschung derzeit für viel Aufmerksamkeit. Ein neuer Kandidat mit dem sperrigen Namen M72 hat eine entscheidende Etappe erreicht und weckt die Hoffnung, dass der Kampf gegen diese uralte Geißel in eine völlig neue Phase treten könnte.
Eine Krankheit, die niemals verschwand
Laut Weltgesundheitsorganisation gehört Tuberkulose zu den tödlichsten Infektionskrankheiten überhaupt und kostet weltweit jedes Jahr weit über eine Million Menschen das Leben. Ausgelöst wird sie von einem Bakterium, das vor allem die Lunge angreift und sich unbemerkt über die Luft verbreitet.
Besonders betroffen sind Länder mit schwächeren Gesundheitssystemen, in denen sich der Erreger leicht ausbreiten kann. Dass eine so alte und gut erforschte Krankheit noch immer so viele Opfer fordert, gilt vielen Fachleuten als eines der großen ungelösten Probleme der globalen Medizin.
Warum der alte Impfstoff nicht genügt
Gegen Tuberkulose gibt es zwar seit rund einem Jahrhundert einen Impfstoff, den vielen unter dem Kürzel BCG bekannten Klassiker. Er schützt allerdings vor allem kleine Kinder recht zuverlässig, während seine Wirkung bei Jugendlichen und Erwachsenen deutlich schwächer und weniger berechenbar ausfällt.
Genau hier liegt das eigentliche Problem, denn die ansteckende Form der Krankheit trifft besonders häufig ältere Jugendliche und Erwachsene. Ein Impfstoff, der auch diese Gruppen wirksam schützt, fehlt bis heute und wäre nach Ansicht vieler Forschender ein echter Wendepunkt im Kampf gegen die Seuche.
Der neue Kandidat mit dem Namen M72

Der neue Hoffnungsträger heißt offiziell M72/AS01E und wird von mehreren großen Partnern gemeinsam entwickelt, darunter das Gates Medical Research Institute, die Gates-Stiftung, das Pharmaunternehmen GSK und der Wellcome Trust. Sie alle setzen auf denselben ehrgeizigen Plan für die Zukunft.
Ziel ist es, einen Impfstoff zu schaffen, der auch Jugendliche und Erwachsene vor der aktiven Lungenform der Tuberkulose bewahrt. Damit würde er genau jene Lücke schließen, die der alte BCG-Impfstoff seit Jahrzehnten offenlässt und die für die weltweite Ausbreitung der Krankheit entscheidend ist.
Eine der größten Studien ihrer Art
Um zu prüfen, ob der Impfstoff hält, was die früheren Ergebnisse versprechen, läuft derzeit eine große Wirksamkeitsstudie der Phase drei. Nach Angaben des Gates Medical Research Institute wurde die geplante Teilnehmerzahl von rund zwanzigtausend Menschen sogar elf Monate früher als vorgesehen erreicht.
Getestet wird an insgesamt vierundfünfzig Studienzentren in fünf Ländern, nämlich in Indonesien, Kenia, Malawi, Südafrika und Sambia. Die Auswahl fiel auf Regionen, in denen die Krankheit besonders verbreitet ist, damit sich die Schutzwirkung möglichst aussagekräftig überprüfen lässt.
Was die Zahlen bisher zeigen
Grund für den vorsichtigen Optimismus liefern die Ergebnisse einer früheren Testreihe. In einer sogenannten Phase-2b-Studie senkte der Impfstoff das Risiko, an einer aktiven Lungentuberkulose zu erkranken, über einen Zeitraum von rund drei Jahren um etwa die Hälfte, wie die beteiligten Forscher berichten.
Untersucht wurde dieser Effekt bei bereits infizierten Erwachsenen zwischen achtzehn und fünfzig Jahren, die kein HIV in sich trugen. Ein Schutz von ungefähr fünfzig Prozent klingt zunächst bescheiden, wäre bei einer so weit verbreiteten Krankheit aber ein gewaltiger und rettender Fortschritt.
Ein weiter Weg bis zur Zulassung
Trotz aller Hoffnung mahnen die Beteiligten zur Geduld, denn endgültige Ergebnisse der großen Studie liegen noch nicht vor. Erst wenn die gesammelten Daten vollständig ausgewertet sind, lässt sich sagen, ob der Impfstoff die hohen Erwartungen tatsächlich erfüllen kann oder nicht.
Für den Fall eines Erfolgs ist die Zukunft aber bereits vorgedacht. Das Gates Medical Research Institute hat mit dem Serum Institute of India, einem der größten Impfstoffhersteller der Welt, eine Vereinbarung getroffen, um M72 im Erfolgsfall in großem Stil produzieren zu können.
Sollte am Ende alles gelingen, könnte damit der erste wirklich neue Tuberkulose-Impfstoff seit einem ganzen Jahrhundert entstehen. Für Millionen Menschen in den am stärksten betroffenen Regionen wäre das weit mehr als eine wissenschaftliche Fußnote, es wäre ein handfester Grund zur Hoffnung.
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