Ein bislang vor allem aus den Tropen bekanntes Virus befällt seit dem Sommer Milchkühe in Süddeutschland und Mitteleuropa. Forschende des Friedrich-Loeffler-Instituts haben den Erreger identifiziert und gleich zwei Varianten entdeckt.
In den Ställen Süddeutschlands hat sich in diesem Sommer ein bislang unbekannter Erreger breitgemacht. Milchkühe erkrankten plötzlich, gaben deutlich weniger Milch und litten unter Fieber, ohne dass zunächst klar war, was genau dahintersteckte.
Inzwischen haben Fachleute den Verursacher benannt. Es handelt sich um eine neue Variante des sogenannten Shamonda-Virus, eines Erregers, der bislang vor allem aus den Tropen bekannt war und nun in Mitteleuropa überraschend Fuß gefasst hat.
Ein Erreger aus den Tropen
Das Shamonda-Virus gehört zur Gruppe der Orthobunyaviren und war ursprünglich vor allem in Teilen Afrikas und Asiens verbreitet. Dass es nun in deutschen Ställen auftaucht, macht die aktuelle Ausbreitung für die Fachleute besonders bemerkenswert.
Identifiziert wurde der Erreger vom Friedrich-Loeffler-Institut im norddeutschen Greifswald, das auf Tierseuchen spezialisiert ist. An der Aufklärung beteiligt war unter anderem die Virologin Kerstin Wernike, die die eingesandten Proben mituntersuchte.
Wie sich das Virus überträgt
Anders als viele bekannte Tierseuchen springt das Shamonda-Virus nicht direkt von Tier zu Tier über. Übertragen wird es nach Angaben der Fachleute in erster Linie durch Gnitzen, winzige stechende Mücken, möglicherweise auch durch andere Stechmücken.
Diese Art der Übertragung erklärt, warum sich der Erreger im Sommer so rasch ausbreiten konnte. Die kleinen Insekten sind bei warmem Wetter besonders aktiv und tragen das Virus über weite Strecken von einem Bestand zum nächsten weiter.
Was die Forscher im Labor fanden

Bei der genaueren Untersuchung stellte sich heraus, dass nicht nur eine, sondern gleich zwei eng verwandte Virusvarianten im Umlauf sind. Die Fachleute bezeichnen sie mittlerweile als Shamonda-Virus Europe 1 und Shamonda-Virus Europe 2.
Die beiden Varianten, kurz SHAV-EU1 und SHAV-EU2 genannt, ähneln sich stark, treten aber in unterschiedlichen Regionen auf. Diese Unterscheidung ist wichtig, um die Ausbreitung genau nachzuverfolgen und die Herkunft der einzelnen Fälle zu verstehen.
Die Symptome bei den Tieren
Für die betroffenen Rinder verläuft eine Infektion meist mit deutlichen, aber unspezifischen Beschwerden. Berichtet werden vor allem Fieber, Durchfall und ein spürbarer Rückgang der Milchleistung, in seltenen Fällen auch neurologische Komplikationen.
Besonders schwer wiegen die Folgen für trächtige Tiere. Nach Angaben der Fachleute können infizierte Kühe stark missgebildete oder bereits tot geborene Kälber zur Welt bringen, was den wirtschaftlichen Schaden für die Höfe zusätzlich vergrößert.
Eine rasche Ausbreitung
Der zeitliche Verlauf zeigt, wie schnell sich die Lage entwickelte. Bereits im Juni meldeten Tierärzte und Bauern in Süddeutschland, Frankreich und der Schweiz erkrankte Milchkühe, oft waren gleich ganze Herden eines einzelnen Betriebs betroffen.
Bis Ende Juli zählte allein Baden-Württemberg mehrere hundert betroffene Höfe. In den Wochen darauf tauchte das Virus den Berichten zufolge in weiteren Bundesländern auf, darunter Bayern, Hessen, das Saarland und Sachsen.
Hoffnung auf den Herbst
Eine gewisse Entlastung könnte ausgerechnet das Wetter bringen. Da die übertragenden Insekten kühlere Temperaturen schlecht vertragen, rechnen die Fachleute damit, dass die Ausbreitung mit dem beginnenden Herbst spürbar nachlassen dürfte.
Für die Menschen bestehe unterdessen kein Grund zur Sorge, betonen die Fachleute. Das Virus befällt vor allem Rinder und ist für uns nach bisherigem Kenntnisstand nicht gefährlich, bleibt für die Landwirtschaft aber eine ernste Herausforderung.
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