Das Tiroler Unternehmen REPS hat 23,6 Millionen Dollar eingesammelt, um eine kuriose Idee groß zu machen: Unter der Fahrbahn eingelassene Platten fangen die Energie bremsender Fahrzeuge ein und wandeln sie in sauberen Strom. Ein Blick auf Technik, Pilotprojekt im Hamburger Hafen und die offenen Frag
Jeden Tag rollen Millionen von Fahrzeugen über die Straßen dieser Welt, und unzählige Male treten die Menschen dabei auf die Bremse. Die Energie, die in diesem Moment entsteht, verpufft normalerweise ungenutzt als Wärme in den Bremsscheiben. Ein kleines Unternehmen aus Tirol ist überzeugt, dass genau in diesem alltäglichen Vorgang ein bislang übersehener Schatz steckt, den man nur noch einsammeln muss.
Das Start-up trägt den Namen REPS, kurz für Road Energy Production System, und hat gerade ein beachtliches Signal ausgesendet. Nach eigenen Angaben und übereinstimmenden Medienberichten sammelte das Unternehmen frisches Kapital in Höhe von 23,6 Millionen Dollar ein, umgerechnet rund zwanzig Millionen Euro. Das Geld soll aus einer technischen Kuriosität ein ernsthaftes Geschäft machen.
Wie aus dem Bremsen Strom wird

Das Grundprinzip klingt zunächst verblüffend einfach. Unter der Fahrbahn werden an jenen Stellen, an denen Fahrzeuge ohnehin abbremsen müssen, hydraulische Platten in den Asphalt eingelassen. Fährt ein schwerer Lastwagen oder ein Auto darüber, drückt das Gewicht die Platte nach unten, und die nach vorne gerichtete Bewegung wird über hydraulische Zylinder in eine senkrechte Kraft umgelenkt.
Diese Kraft treibt anschließend ein Modul an, das auf Dauermagneten beruht und in Kupferspulen eine elektrische Spannung erzeugt. Eine einzelne Platte ist nach Angaben des Unternehmens zwölf Meter lang und drei Meter breit und wird in eine rund zwölfeinhalb Zentimeter starke Tragschicht der Straße integriert. Aus einer schlichten Bremsung wird so, ganz unspektakulär, ein Stromstoß.
Effizienter als ältere Ansätze
Die Idee, aus Bewegung im Straßenverkehr Energie zu gewinnen, ist an sich nicht neu, scheiterte bisher aber meist an der mageren Ausbeute. REPS behauptet, dieses Problem gelöst zu haben. Nach eigenen Angaben arbeitet das System rund 254 Mal effizienter als klassische Ansätze mit einem Dynamo und sogar mehrere tausend Mal effizienter als sogenannte piezoelektrische Verfahren, die Druck direkt in Strom verwandeln.
Ebenso wichtig wie die reine Ausbeute ist die Frage der Haltbarkeit, denn eine Technik, die ständig unter tonnenschweren Lasten steht, muss enorm robust sein. Das Unternehmen spricht hier von einem sehr geringen Verschleiß und einer erwarteten Lebensdauer von mehr als zwanzig Jahren. Ob sich diese Versprechen im rauen Dauerbetrieb wirklich halten, wird sich allerdings erst über die Jahre zeigen.
Der Praxistest im Hamburger Hafen
Damit aus kühnen Zahlen Vertrauen wird, braucht es einen Ort, an dem die Technik im echten Alltag beweisen kann, was sie taugt. Diesen Ort hat REPS im Hamburger Hafen gefunden, genauer beim Logistikunternehmen Hamburg Container Service. Dort ist eine Anlage nach Unternehmensangaben seit November des vergangenen Jahres im laufenden Betrieb und sammelt Tag für Tag Erfahrungswerte.
Die Bilanz, die das Start-up für diesen Standort vorlegt, kann sich sehen lassen. Rund tausend Lkw-Bewegungen zählt der Betreiber dort täglich, mehr als 115.000 Lastwagen sind bereits über die Platte gerollt, und dabei kamen nach Angaben von REPS über 6.700 Kilowattstunden sauberer Strom zusammen. Es ist ein bescheidener, aber realer Beweis dafür, dass die Idee grundsätzlich funktioniert.
Interessant wird es, wenn man diese Zahlen hochrechnet, auch wenn solche Prognosen mit Vorsicht zu genießen sind. Würde man am selben Hafen 229 weitere Anlagen einbauen, ließe sich dem Unternehmen zufolge jährlich so viel Strom erzeugen, wie rund 2.800 Haushalte verbrauchen. Das entspräche etwa einem Zehntel der Emissionen, die der Verkehr im Hafen verursacht.
Zwanzig Millionen Euro für den nächsten Schritt
Hinter REPS steht der Gründer Alfons Huber, und das Unternehmen aus dem Tiroler Ort Mils hat nach eigenen Angaben rund sechs Jahre an Entwicklungsarbeit hinter sich, bevor es nun in die Phase der Skalierung eintritt. Medienberichten zufolge führte ein britischer Wagniskapitalgeber die aktuelle Finanzierungsrunde an, was zeigt, dass die Idee längst über die Grenzen Österreichs hinaus Aufmerksamkeit erregt.
Das frische Geld soll vor allem in die Verwertung der Patente, den Aufbau des Vertriebs und in neue Installationen fließen. Das Unternehmen nennt eine erstaunlich große Zielgruppe: rund 90 mögliche Kundinnen und Kunden in Häfen, Logistikzentren und an Flughäfen in Europa, Nordamerika und Asien, überall dort also, wo schwere Fahrzeuge auf engem Raum ständig anhalten und wieder anfahren.
Zwischen großer Vision und nüchterner Wirklichkeit
Wie groß die Träume sind, zeigt ein Rechenbeispiel, das REPS für die Wüstenmetropole Dubai anstellt. Dort könnten dem Unternehmen zufolge rund 64.000 solcher Systeme jährlich eine Strommenge liefern, die etwa elf Prozent des heutigen Verbrauchs der gesamten Stadt entspräche. Es ist ein kühnes Gedankenspiel, das die schiere Menge an Bewegungsenergie auf unseren Straßen greifbar machen soll.
Bei aller Begeisterung lohnt jedoch ein nüchterner Blick, denn zwischen einem funktionierenden Pilotprojekt und einem weltweit verbauten Standard liegt ein weiter Weg. Ob sich die Anlagen wirtschaftlich rechnen, wie gut sie über Jahrzehnte im harten Verkehr durchhalten und ob die hochgerechneten Zahlen der Realität standhalten, muss die Technik erst noch unter Beweis stellen. Vorschusslorbeeren ersetzen keine Langzeitdaten.
Was das für Österreich bedeutet
Für die heimische Szene ist REPS dennoch ein bemerkenswerter Fall, der gut in ein Muster passt. Immer wieder gelingt es kleinen österreichischen Unternehmen aus dem Bereich der harten Technik, mit einer sehr speziellen Idee internationales Kapital anzuziehen und aus einer Nische heraus die große Bühne zu betreten. Gerade der Standort Tirol zeigt, dass für solche Sprünge keine Metropole nötig ist.
Am Ende steckt in dieser Geschichte ein Gedanke, der weit über eine einzelne Firma hinausweist. Statt immer neue Flächen für Kraftwerke zu suchen, könnte die Zukunft darin liegen, die Infrastruktur, die längst existiert, ein zweites Mal zu nutzen. Ob ausgerechnet die Straße unter unseren Rädern zu einem stillen Kraftwerk wird, ist noch offen, doch allein die Frage ist reizvoll genug.
Verfolge Verkehr und das hilft.
Guter Punkt.

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