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CLIMATE · CH

Der Tag, an dem der Schnee verschwand: die alarmierende Bilanz der Schweizer Gletscher

Leon Schmidt Leon Schmidt leonschmidt.avalw.com · 338 reads Respect0 Save Share Read only
READS19live count PUBLISHED21 Sept2026 READING TIME4 min785 words LANGUAGEGerman
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Schon Ende Juni 2026 war die Winterschneedecke der Schweizer Gletscher aufgezehrt, drei Monate zu frueh. Der sogenannte Gletscherverlusttag kam so frueh wie selten zuvor. Ein Blick auf die Zahlen, die Ursachen und darauf, was wirklich auf dem Spiel steht.

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Die Gletscher der Alpen gelten als das gefrorene Gedaechtnis und zugleich als das Wasserschloss der Schweiz. Ueber Jahrtausende haben sie sich aufgebaut, doch in unseren Tagen schmelzen sie in atemberaubendem Tempo dahin. Das Jahr 2026 hat dabei erneut ein alarmierendes Zeichen gesetzt, denn wichtige Kennzahlen der Gletscherbeobachtung erreichten Werte, die selbst erfahrene Fachleute aufhorchen liessen und die den fortschreitenden Wandel schonungslos vor Augen fuehren.

Der Gletscherverlusttag

Wo einst maechtige Eismassen lagen, treten unter der duennen Schneedecke immer haeufiger nacktes Eis und Fels zutage (Symbolbild).
Wo einst maechtige Eismassen lagen, treten unter der duennen Schneedecke immer haeufiger nacktes Eis und Fels zutage (Symbolbild).

Ein besonders anschaulicher Gradmesser ist der sogenannte Gletscherverlusttag, jener Tag, an dem die gesamte im Winter angesammelte Schneedecke auf den Gletschern abgeschmolzen ist. Laut dem Gletschermessnetz GLAMOS fiel dieser Tag im Jahr 2026 bereits auf den 29. Juni. Dessen Netzwerkleiter Matthias Huss bezeichnete diesen Zeitpunkt als rund drei Monate zu frueh im Vergleich zu einem gesunden Zustand eines Gletschers, was die Dramatik der Lage verdeutlicht.

Dieser fruehe Termin ist historisch bemerkenswert. Laut den Aufzeichnungen, die bis ins Jahr 2000 zurueckreichen, war es der zweitfrueheste jemals gemessene Gletscherverlusttag. Nur im Jahr 2022 kam er mit dem 26. Juni noch einen Hauch frueher. Nach diesem Tag zehren die Gletscher fuer den Rest des Sommers ungeschuetzt von ihrer eigenen Substanz, denn die schuetzende Schneeschicht, die das Eis normalerweise vor der Sonne bewahrt, fehlt dann vollstaendig.

Der Rhonegletscher schmilzt

Wie rasant der Schwund vonstattengeht, zeigt das Beispiel des Rhonegletschers besonders eindruecklich. Laut den Angaben verlor dieser Gletscher allein in den Monaten Juni und Juli 2026 mehr als vier Meter an Eisdicke. Im Juli buesste er im Durchschnitt sogar rund zehn Zentimeter Eis pro Tag ein. Solche Zahlen sind schwer vorstellbar, doch sie machen begreiflich, wie schnell selbst maechtige Eismassen in einem einzigen Sommer dahinschmelzen koennen.

Warum es so schnell geht

Fuer diese dramatische Entwicklung sind mehrere Faktoren verantwortlich, die ungluecklich zusammenwirkten. Zum einen sorgten Hitzewellen im Mai und im Juni fuer hohe Temperaturen bis in grosse Hoehen. Zum anderen war der vorangegangene Winter erneut schneearm, und die Schneehoehen in den zentraleuropaeischen Alpen zaehlten laut den Angaben zu den fuenf niedrigsten der vergangenen drei Jahrzehnte. Wenig Schnee bedeutet wenig Schutz fuer das darunterliegende Eis.

Hinzu kam ein weiterer, oft unterschaetzter Faktor. Laut den Angaben wurde im Maerz 2026 Saharastaub auf den Gletschern abgelagert. Diese feine, dunkle Schicht faerbt die eigentlich weisse Oberflaeche ein und sorgt dafuer, dass sie mehr Sonnenlicht aufnimmt statt es zu reflektieren. Dadurch heizt sich die Oberflaeche staerker auf und die Schmelze beschleunigt sich zusaetzlich. Insgesamt lag die Schmelzrate zuletzt etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2020.

Ein langfristiger Schwund

Das Jahr 2026 ist dabei kein isolierter Ausreisser, sondern reiht sich in einen besorgniserregenden langfristigen Trend ein. Laut den Daten schrumpfte das Volumen der Schweizer Gletscher zwischen den Jahren 2000 und 2024 um satte 38 Prozent. Allein im Zeitraum von 2003 bis 2022 verschwanden rund 200 Quadratkilometer Eis. Die Geschwindigkeit, mit der die weissen Riesen aus der Landschaft verschwinden, hat sich ueber die Jahre spuerbar beschleunigt.

Die Bilanz ueber laengere Zeitraeume ist ebenso ernuechternd. Laut den Angaben hat die Schweiz in den vergangenen fuenfzig Jahren bereits rund 1200 Gletscher verloren, womit heute nur noch etwa 1300 uebrig sind. Fuer das Jahr 2026 wird zudem befuerchtet, dass 20 bis 30 kleinere Gletscher ganz verschwinden koennten. Damit loeschen sich nach und nach Namen und Landschaftsmerkmale aus, die ganze Generationen von Menschen gekannt und geliebt haben.

Mehr als nur Eis

Der Verlust der Gletscher ist jedoch weit mehr als ein aesthetisches oder nostalgisches Problem, denn er beruehrt handfeste Lebensgrundlagen. Gletscher wirken wie riesige Wasserspeicher, die im Sommer langsam Schmelzwasser abgeben. Laut den Angaben sind allein auf das Wasser der Rhone rund 2,5 Millionen Menschen fuer ihr Trinkwasser angewiesen. Schwinden die Eisreserven, geraet langfristig auch diese wichtige und verlaessliche Wasserversorgung unter Druck.

Fachleute warnen zudem vor einem heimtueckischen Effekt. Laut dem Glaziologen Matthias Huss von der ETH Zuerich koennen die Gletscher extreme Schmelzjahre eine Zeit lang noch abfedern. Doch dieser mildernde Effekt endet, sobald die Eismassen so stark geschrumpft sind, dass selbst gewaltige Schmelzraten kaum noch etwas ausmachen. Ist dieser Punkt erreicht, verlieren die Gletscher endgueltig ihre Faehigkeit, Schwankungen im Wasserhaushalt auszugleichen.

Was auf dem Spiel steht

Der Blick in die Zukunft macht deutlich, wie viel von den kommenden Entwicklungen abhaengt. Laut den Angaben koennten bis zum Jahr 2100 rund 97 Prozent der europaeischen Gletscher verschwinden, sollte die Erwaermung 2,7 Grad ueber dem vorindustriellen Niveau ueberschreiten. Ob dieses duestere Szenario eintritt, haengt massgeblich davon ab, wie entschlossen die Menschheit den Ausstoss von Treibhausgasen begrenzt. Jeder Bruchteil eines Grades zaehlt, das zeigen die Zahlen mit unerbittlicher Klarheit.

Am Ende sind die Schweizer Gletscher zu stummen, aber unbestechlichen Zeugen des Klimawandels geworden. Ihr rasches Verschwinden ist eine Mahnung, die sich nicht wegdiskutieren laesst, gemessen in Metern Eis und in immer frueheren Verlusttagen. Sie erinnern uns daran, dass hinter den abstrakten Klimadebatten sehr reale und teils unwiederbringliche Veraenderungen stehen, und dass die Entscheidungen von heute darueber bestimmen, was von diesen Wahrzeichen kuenftig noch uebrig bleibt.

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Leon Schmidt 2026-09-21 · 4 min read · 19 reads
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