Während sich die Schweizer Start-up-Szene sonst mit Biotech und Robotik einen Namen macht, zielt ein Jungunternehmen aus Lausanne auf den Weltraum. ClearSpace will als weltweit erstes den Schrott aus der Umlaufbahn holen.
Wenn von der Schweizer Start-up-Szene die Rede ist, denkt man meist an Biotech aus Basel, an Robotik aus Zürich oder an die vielen Spin-offs der beiden technischen Hochschulen. Doch eines der ehrgeizigsten Jungunternehmen des Landes richtet seinen Blick weit über die Erde hinaus. Es will ein Problem lösen, das mit jedem Raketenstart größer wird, nämlich den wachsenden Müll in der Erdumlaufbahn.
Ein wachsendes Problem im All
Der Weltraum rund um die Erde ist längst kein leerer Raum mehr. Laut dem Bericht der Europäischen Weltraumorganisation zum Weltraumumfeld werden inzwischen rund vierzigtausend Objekte von Überwachungsnetzwerken verfolgt, von denen nur etwa elftausend aktive Satelliten sind. Der Rest besteht aus ausgedienter Technik und Trümmern, die unkontrolliert ihre Bahnen ziehen.
Millionen kleiner Geschosse
Noch dramatischer wird das Bild bei den kleineren Teilen. Schätzungen der Weltraumorganisation zufolge gibt es rund eineinhalb Millionen Schrottteile mit einer Größe zwischen einem und zehn Zentimetern sowie mehr als zweihundert Millionen noch winzigere Fragmente. Bei den enormen Geschwindigkeiten im Orbit kann selbst ein kleines Teilchen einen funktionierenden Satelliten zerstören.
Gefahr für die Infrastruktur
Diese Trümmer sind nicht nur ein abstraktes Problem, sondern eine reale Gefahr für die moderne Infrastruktur. Von der Wettervorhersage über die Navigation bis zur Kommunikation hängt unser Alltag von Satelliten ab. Jede Kollision im Orbit erzeugt neue Trümmerteile, was in einer gefährlichen Kettenreaktion enden könnte, die ganze Umlaufbahnen unbrauchbar machen würde.
Ein Schweizer Pionier

Genau hier setzt das Unternehmen ClearSpace an, das im Jahr zweitausendsiebzehn als Ausgründung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne entstand. Das Startup begann seine Arbeit in einem Labor auf dem Campus der Hochschule und hat sich seither zu einem international beachteten Akteur entwickelt. Sein Ziel ist so einfach wie kühn, nämlich den Weltraum wieder aufzuräumen.
Von der Hochschule ins All
Die Wurzeln des Projekts reichen noch weiter zurück. Bereits seit dem Jahr zweitausendzehn forschen Wissenschaftler am Weltraumzentrum der Lausanner Hochschule an Systemen, mit denen sich Trümmer im All einfangen lassen. Das über viele Jahre gesammelte technische Wissen floss schließlich in die Entwicklung der Technologie ein, auf der das junge Unternehmen heute aufbaut.
Der Auftrag der ESA
Der große Durchbruch kam mit einem Vertrauensbeweis aus der Raumfahrt. Die Europäische Weltraumorganisation unterzeichnete mit dem Schweizer Startup einen Vertrag im Wert von rund sechsundachtzig Millionen Euro, um die weltweit erste Entfernung eines Schrottteils aus der Umlaufbahn in Auftrag zu geben. Für ein junges Unternehmen ist ein solcher Auftrag ein enormer Meilenstein.
Die Mission ClearSpace Eins
Im Zentrum steht die Mission mit dem Namen ClearSpace Eins. Dabei soll ein Raumfahrzeug den oberen Teil eines Nutzlastadapters einfangen, der einst mit der europäischen Trägerrakete Vega ins All gebracht wurde, und ihn kontrolliert zum Wiedereintritt in die Atmosphäre bringen. Nach jüngsten Angaben ist der Start für die zweite Hälfte des Jahres zweitausendsechsundzwanzig geplant.
Wer die Mission finanziert
Ein solches Vorhaben ist teuer und wird daher breit getragen. Acht Mitgliedsstaaten der Weltraumorganisation, darunter auch die Schweiz, stellen zusammen die genannten sechsundachtzig Millionen Euro bereit. Die verbleibenden rund vierzehn Komma zwei Millionen Euro stammen von privaten Geldgebern und Sponsoren, was zeigt, wie sehr das Projekt auch die Wirtschaft interessiert.
Ein völlig neuer Markt
Hinter der Mission steckt weit mehr als ein einzelnes Aufräumprojekt. Fachleute sind überzeugt, dass rund um die Wartung und Entsorgung von Satelliten ein völlig neuer Markt entsteht. Wer die Technik beherrscht, um Objekte im Orbit anzusteuern und einzufangen, könnte künftig auch defekte Satelliten reparieren, betanken oder gezielt aus dem Verkehr ziehen.
Teil einer starken Szene
Das Beispiel fügt sich nahtlos in das Bild der Schweizer Innovationslandschaft ein. Das Land gilt gemessen an seiner Größe als eine der stärksten Deeptech Regionen der Welt, in der anspruchsvolle Technologien aus der Forschung heraus in Unternehmen überführt werden. Ein Weltraumprojekt aus einem Hochschullabor passt perfekt zu diesem Selbstverständnis.
Große technische Hürden
Bis zum Erfolg ist der Weg allerdings anspruchsvoll. Ein Objekt einzufangen, das sich unkontrolliert dreht und mit hoher Geschwindigkeit um die Erde rast, ist technisch außerordentlich schwierig. Jeder Handgriff muss automatisch und präzise ablaufen, denn eine Fehlfunktion im Orbit lässt sich nicht einfach vor Ort korrigieren, was das Risiko der Mission zusätzlich erhöht.
Ausblick
Insgesamt zeigt das Vorhaben, wie aus einer akademischen Idee ein Unternehmen mit globaler Bedeutung entstehen kann. Sollte die Mission gelingen, wäre es ein starkes Signal für die gesamte Branche und ein weiterer Beweis dafür, dass die Schweiz auch im aufstrebenden Weltraumsektor eine wichtige Rolle spielen und ihre Stärke in der Spitzentechnologie unter Beweis stellen kann.

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